„Neurosige Zeiten“ der Theatergruppe Aschbach: Selbst im Irrenhaus kann es noch verrückter werden

Chaos pur in der Mehrzweckhalle. Es geht zu wie in einer Irrenanstalt. Der erste Eindruck täuscht – nicht. Denn auf der Bühne spielt sich eine Komödie in drei Akten ab, die die begeisterten Gäste an zwei Abenden mit den Ereignissen in der offenen Wohngruppe der Psychiatrie Aschbach vertraut machte. Die Theatergruppe führte vor vollem Haus das Stück „Neurosige Zeiten“ von Winni Abel auf und landete damit einen Volltreffer beim Publikum.

Irrungen und Verwicklungen, Missverständnisse, skurrile Typen und allerlei abstruse Entwicklungen bildeten die Grundlage für Gelächter am laufenden Band und Beifall auf offener Szene. Die einzelnen Figuren waren herrlich schräg gezeichnet und ließen den Darstellern viele Möglichkeiten, ihre Charaktere in allen Facetten herauszuarbeiten und sich mit viel Situationskomik ohne Scheu den Lachern des Publikums preiszugeben.

Der Beginn lässt sich noch fast zaghaft an im Vergleich zu dem Tohuwabohu, das sich später einstellt. Agnes, immer mit einer anzüglichen Bemerkung auf den Lippen, die gerne auch mal unter die Gürtellinie rutschen darf, macht bei Hans ein paar Annäherungsversuche. Natürlich ohne Erfolg bei dem Ordnungsfanatiker, der bei der geringsten Berührung Angst um seine Bügelfalten hat.

Überhaupt Hans, der von Eilen Kumpf gespielt wird: Wie sie/er seine Neurosen, seinen peniblen Tagesablauf, seine strikte Befolgung des Hausordnung verkörpert, bei jeder Kleinigkeit ausrastet, die nicht dem normalen Schema entspricht, ausrastet, am Rad dreht, ist einfach sehenswert. Die Vorstellung nach dem Auffinden einer angeblichen Leiche fordert den Gästen einen stürmischen Applaus ab.

Aber nur Hans zu erwähnen, würde den anderen, glänzend aufgelegten Akteuren nicht gerecht. Eva Wetter etwa, die ihre Desirée immer mit einem leicht wahnsinnigen Kichern ankündigt, bringt diese herrlich überkandidelt rüber. Oder die soziophobe Walli, die seit dem Tod der Schildkröte Probleme mit jeder Art von Nähe hat. Die bauernschlaue Art und trockenen Sprüche quasi aus dem Nichts von Patricia Knapp sorgen für Lachsalven.

Marianne, die Stalkerin von Volksmusik-Star Hardi, wird von Lena Knapp mit einer herzerfrischend einfachen Weltsicht gespielt: Sie deutet einfach alles, was Hardi macht und tut, auf sich um: „Der hat die Schlafzimmertür extra für mich offen stehen lassen.“ Oder extra ein Lied für sie gedichtet. Als sie der Begehrte zu PR-Zwecken mit einem Reporter der Bild-Zeitung besucht, ist das natürlich ein gefundenes Fressen.

Beschäftigungstherapeut Rolf schließlich entspricht so richtig dem Klischee. Er findet alles toll, was sein Schäfchen machen, kann sich über jede noch so dämliche Aktion begeistern und versucht die verrückte Damenriege zum Kastanienmännchen-Basteln zu überreden. Alles würde ja seinen gewohnten verrückten Gang gehen, wenn sich nicht Agnes‘ Mutter Cécile zum Besuch angekündigt hätte. Die weiß nämlich von nichts. Als dann nach Tuppertante Herta irrtümlich für die Mutter gehalten wird, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Was sich danach auf der Bühne entwickelt, hat Züge des Hitchcock-Klassikers „Immer Ärger mit Harry“, gemischt mit dem Käfig voller Narren. Denn als die für Mutter Cécile gehaltene Tuppertante K.o. geht, muss sie erst einmal vor den Augen von Agnes versteckt werden. Die Bemühungen dazu nehmen fast schon irre Züge an – aber die passen ja zum Ort des Geschehens.

Cécile wiederum, der die Mitbewohner wahlweise als Haushaltshilfe, Hausmeister oder Freund vorgestellt werden, dürfte sich gewünscht haben, nie ihre Tochter besucht zu haben. Denn die erfundenen Widersprüche, um alles ganz normal wirken zu lassen, führen zu neuen Ungereimtheiten, die wieder mit Lügen kaschiert werden. Am Schluss weiß keiner mehr, wer nun verrückt ist und wer nicht. Cécile gerät als einzig „Normale“ in die Fänge von Dr. Schanz, die sie aufgrund der ganzen aufgetischten Geschichten für komplett irre hält.

Zur Handlung: Alles könnte in der offenen Wohngruppe der Psychiatrie so schön ruhig ablaufen. Gut, die Psychologin und der Verhaltenstherapeut nerven manchmal, aber das stecken die Bewohner gut weg. Da aber Agnes ihrer betuchten Mutter aus der Hoteldynastie Ritz verschwiegen hat, wo sie untergebracht ist, beginnt das Chaos. Ihr Wunsch, dass sich alle wie „normale“ Menschen verhalten sollen, kann nicht gut gehen. Was ja auch nicht Sinn der Sache ist, sonst gäbe es nicht so viel zu lachen und die Schauspieler erhielten zum Schluss nicht so heftigen Beifall für ihre gelungenen Leistungen.

Ortsvorsteher Thomas Heiligenthal hatte im Vorfeld zusammen mit Regisseurin Sabrina Fischer zum inzwischen neunten Theaterabend im Namen von TSV und Theatergruppe begrüßt. „Wir haben uns etliche Wochen und Monate viel Mühe gegeben“, meinte Fischer, die „zwei tolle Vorstellungen“ voraussagte. Der Erlös werde wie immer einem guten Zweck gespendet. Über den konnten in diesem Jahr die Gäste mitentscheiden, indem sie Vorschläge machten.

Die Mitwirkenden:

Sexsüchtige Agnes: Stephanie Schmitt

Zwangsneurotischer Finanzbeamter Hans: Eileen Kumpf

Liebeswahnsinniger Volksmusik-Fan Marianne: Lena Knapp

Soziophobe Walli: Patricia Knapp

Manisch-depressive Künstlerin Desirée: Eva Wetter

Psychiaterin Dr. Dr. Schanz: Stefanie Rohr

Cécile Ritz, Mutter von Agnes: Kirsten Bihn

Volksmusikstar Hardi Hammer: Peter Jäger

Beschäftigungstherapeut Rolf: Bastian Hahn

Herta, Verkäuferin von Tupperware: Anna Lehner

Freddi, Reporter der Bildzeitung: David Heiligenthal

Regie und Organisation: Sabrina Fischer

Souffleuse: Katharina Berg

Maske: Michaela Knobloch

 

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