Trommer Sommer: Zum Schluss gehen die Lehmwerke den Weg alles Irdischen

Einmal ein Schöpfer sein, ganz Welten kreieren, wieder zerstören, aus Ruinen auferstehen lassen: Das ist kein Skript für einen Fantasy-Film, sondern sind die realen Fantasien von Joachim Torbahn. Der Nürnberger ist der Meister des Lehms und Spriritus rector von Herrn Lehmann. Der Umgang mit dem Ton ist ein ganz ursprüngliches Vergnügen, versetzt in die Kindheit, als nach Herzenslust gematscht, geknetet, gebaut werden durfte. Wer sich auf den Künstler einlässt, wird einerseits flugs in die eigenen frühen Jahre zurückversetzt, gerät andererseits unversehens in archaische, fast schon rohe Schöpfungs- und Verwandlungsgeschichten.

Was Torbahn alles aus der Masse in Windeseile entstehen ließ, untermalt von eigenen Geräuschen oder auch im Takt mit Musik, verblüffte bei der Vorstellung in der Hoftheater-Scheune immer wieder. Er habe den Künstler in Nürnberg auf einem Festival gesehen, berichtete Hoftheater-Chef Jürgen Flügge zu Beginn. Zwar habe man im Odenwald für diese Form von Kunst-Abenteuer noch kein Publikum, meinte Flügge, „aber wir werden eines schaffen“.

Was aus einem Klumpen Ton beim Programm „Aus dem Lehm gegriffen“ in Windeseile entstehen kann, demonstrierte Torbahn auf dem Trommer Sommer unter der Regie von Tristan Vogt gleich zu Beginn. Ein rundes Stück Lehm ebenso wie (knetet kurz) ein eckiges oder (knetet nochmal) ein plattes. Oder plötzlich ganz viele kleine. Doch das war nur ein Vorgeschmack dessen, was unter seinen Händen in der folgenden halben Stunde geformt wurde. Landschaften, Märchenwelten, Drachen, ganze Königreiche. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Ganz nah, direkt vor den Augen der in der ersten Reihe mitfiebernden Kinder, fand Schöpfung und Zerstörung statt, mit großer Lust am reinen Schaffen und wieder Wegschaffen. Die Vorstellungskraft der Kleinen und Großen wurde bestens bedient: Werden und Vergehen, auch der Böse wird am Ende wieder zu dem, aus dem er erstand: dem iridischen Ton. Zusammen mit passender Musik und Momenten des Stillhaltens fand Torbahn den richtigen Rhythmus.

Aus der glatten Lahmplatte vor sich kreierte der Künstler ruckzuck einen Fluss mit Ahorn, Linden und Eichen, um alles flugs wieder einzustampfen. „Ein Schwan – wie schön“, hieß es noch im einen Moment, ehe im nächsten die große Hand alles zu lehmigem Einerlei-Brei machte. Um gleich darauf den alles fressenden Drachen entstehen zu lassen. Doch auch der hatte nur eine kurze Lebensdauer. Denn der Jäger schnitt dem Untier den Bauch auf und fand dort die gesamte Märchenwelt.

Torbahn manövrierte sich so mit Mimik und vielen Geräuschen, immer wild gestikulierend, durch diverse Sagen, ließ die tollkühnen Tonellis im Zirkus ihre Künste zeigen, um sie gleich wieder zu beerdigen, schuf Prinzessin Lilofee, der ein etwas längeres Lehmleben beschert war. Aber auch nur, weil um sie herum erst noch der bald dem Erdboden gleich gemachte Zaubergarten entstand.

Mit filigraner Arbeit und wenigen Handbewegungen verwandelte sich die Prinzessin plötzlich zum Erstaunen der vielen Kinder in – einen Apfelstrudel. Und läutete damit nahtlos den Part „Kochen mit Lehm“ ein, bei dem das Lehmbrötchen mit vegetarischer Extrawurst gleich ein paar extra Lacher produzierte. Krönung des Lehmbaus auf der Tromm war die Schaffung von drei verfeindeten Königreichen, die aber endeten wie alles Irdische: in einem Klumpen Lehm.

Der Nürnberger verdeutlichte mehr als einmal die Vergänglichkeit jeglichen Schaffens. Nichts bleibt wie es ist. Das Volk erhob sich gegen den Tyrannen, brachte ihn zum Einsturz – pardon, zum Einrollen. Und sich selbst brachte die breite Masse in ebendiese. Das Ergebnis war ein großes Lehmeinerlei, in dem alle gleich sind. Natürlich bei Bedarf wieder neu in allen Formen wandelbar, solange alles weich und geschmeidig blieb. Wenn nicht die Vorführung von Torbahn an dieser Stelle fertig gewesen wäre und er viel Applaus einheimste.

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