Bürgerinitiativen aus dem Überwald wollen die Energiegenossenschaft zum Windkraft-Verzicht auf dem „Stillfüssel“ bewegen

Wald-Michelbach/Erbach. Den beiden Vorständen der Energiegenossenschaft Odenwald (EGO) dürften noch längere Zeit die Ohren klingeln. Nicht unbedingt wegen der lautstark vorgetragenen Argumente der Windkraft-Gegner, sondern wegen dem ohrenbetäubenden Trillerpfeifen-Lärm vor dem EGO-Hauptsitz in Erbach. Vor diesen waren rund 100 Demonstranten aus der Wald-Michelbacher Ecke gezogen. Sie machten mobil gegen sechs geplante Windräder im Gebiet „Stillfüssel“ auf dem Höhenrücken beim Ortsteil Siedelsbrunn.

Bei der Verwirklichung bzw. Vermarktung dieser Windenergieanlage ist neben der Entega auch die EGO mit im Boot. Und deshalb wandten sich die Bürgerinitiativen Gegenwind Siedelsbrunn und Ulfenbachtal nun an die Genossenschaft, um sie zur Aufgabe des Projekts zu bewegen. Sicherlich auch vor dem Hintergedanken, dass sich die EGO im Odenwaldkreis aus der aktiven Planung von Windenergieanlagen (WEA) zurückgezogen hat, weil der für den geordneten Bau notwendige Flächennutzungsplan vom Regierungspräsidium Darmstadt abgelehnt worden war.

Die beiden BI haben bereits für ordentlich Wirbel gesorgt. Inklusive Demonstrationen vor dem Regierungspräsidium und vor der Entega in Darmstadt. Erst im April gegründet, sind die Siedelsbrunner fast rund um die Uhr aktiv, um das ihrer Meinung nach herrliche Stückchen Odenwald rund um den Hardberg von Windrädern freizuhalten. BI-Sprecherin Vera Krug formulierte wortreich den Widerspruch zwischen dem Titel Unesco-Geopark Bergstraße-Odenwald und dem Bau von sechs Windrädern.

Die Windkraft-Gegner brachten aber auch weitere Einwände wie Infraschall, Rückgang des Tourismus, Wertverlust von Immobilien, Belastung von Mensch und Natur beim Bau sowie vor allem Tier- und Naturschutzgründe vor. Mit ein Hauptargument ist das Vorkommen von seltenen Tierarten wie Wespenbussard oder Schwarzstorch. Am Vorkommen von letzterem sei schon ein Windpark bei Sensbachtal gescheitert, erläuterte Krug. Sie forderte mehrfach von der EGO, sich jetzt von diesem letzten Projekt im Überwald zu distanzieren.

BI-Sprecher Wolfram Schmied appellierte bei der emotionalen, von vielen – auch unsachlichen – Zwischenrufen unterbrochenen Veranstaltung an die Genossenschaftsvertreter, sich sofort von der WEA zurückzuziehen. Sie habe weder Rückhalt in der Bevölkerung noch sei sie wegen der schwachen Winde überhaupt wirtschaftlich. Als in der Region ansässiges Unternehmen solle die EGO „die Belange der Menschen ernst nehmen“. Allein die nachgewiesenen Flugrouten des hier sesshaften Schwarzstorchpaares „sind Grund genug, dieses Projekt und jegliche Gedanken an Windindustrie zu stoppen“.

Vera Krug erläuterte, dass es bereits 60 Vogelbeobachtungen gegeben habe, „allein 41 mit dem Schwarzstorch“. Außerdem habe man gerade in den letzten Tagen mehr als 300 Bilder von den gefährdeten Tieren gemacht. „Was brauchen Sie noch?“, meinte sie an die EGO-Vorstände gewandt. „Sie sollten mit uns die Natur gemeinsam schützen.“ Zusammen mit den 1700 gesammelten Unterschriften gegen die WEA übergab sie auch eine Dokumentation der Vogelbeobachtungen. Und eine „rote Karte“ für die bisherige Haltung der Firma.

„Wir sind richtig sauer“, machte sie klar, dass die BI so schnell wie möglich den Abbau des Windmess-Mastes erwartet. Denn schon dieser könne den bedrohten Vogelarten gefährlich werden. Es könne nicht angehen, meinte sie, „dass ein im Odenwald ansässiges Unternehmen dabei mithilft, die Natur zu zerstören“. Die Firma sollte Abstand davon nehmen, auf dem „Stillfüssel“ etwas bauen zu wollen.

EGO-Vorstandsmitglied Thomas Mergenthaler machte deutlich, dass sich die Genossenschaft nur an politisch gewollten Projekten beteilige. Wenn es wie in Wald-Michelbach eine öffentliche Ausschreibung gebe, dann sehe er darin den entsprechenden Willen der Kommunalpolitiker und ein klares Mandat. „Natürlich wollen auch wir Rechtssicherheit haben“, meinte er. Wenn die BI daran mitwirke, diese zu schaffen, „ist das auch in unserem Sinne“.

Sollte sich das Schwarzstorch-Vorkommen bestätigen, dann werde das sicher Auswirkungen auf den Genehmigungsprozess haben, so Mergenthaler. Dessen Ausgang wolle man abwarten und sich nach dem Ergebnis richten. Der Vorstand kündigte an, dass es in der nächsten Zeit weitere Gespräche mit den Anwohnern und auch der Systelios-Klinik geben werde. Am Dienstag solle es dazu Infos auf der öffentlichen Gemeinderatssitzung in Wald-Michelbach geben.

EGO-Vorstandsvorsitzender Christian Breunig wies darauf hin, dass man schon sehr frühzeitig Infoveranstaltungen zum Thema Windkraft angeboten habe. Es gebe ein bestimmtes rechtliches Verfahren, sagte er. Komme es in dessen Rahmen zu relevanten Ergänzungen, die das Projekt in Frage stellten, dann könne die WEA möglicherweise nicht gebaut werden, argumentierte er ähnlich wie Mergenthaler. Beide Vorstände versicherten den Demonstranten: „Wir nehmen ihre Ängste ernst“.

Schmied versuchte vor dem Hintergrund des EGO-Hinweises auf die Info-Veranstaltungen im Vorfeld den Vorständen näherzubringen, dass in Wald-Michelbach die Öffentlichkeit nur schlecht unterrichtet worden sei. Es sei von der Gemeinde immer wieder betont worden, dass das „Thema schon entschieden ist“. Genau deshalb, meinte er, „stehen jetzt die Leute auf und gehen auf die Barrikaden“.

Advertisements