Elternabend an der Grundschule Schimmeldwog: Kindern auf Augenhöhe begegnen

Eine Patentlösung hat sie auch nicht. Aber Mechthild Reinhard, Geschäftsführerin der Systelios-Klinik in Siedelsbrunn, ist klar, dass sich im Bildungssystem etwas ändern muss. Im Rahmen eines Elternabends an der Grundschule Schimmeldewog referierte sie vor zahlreichen interessierten Eltern und Lehrern zum Thema „Wie stärke ich mein Kind, bleibe dabei gelassen und begleite es in einer sich ständig wandelnden Welt?“ Ihre Thesen waren dabei durchaus provokativ, regten zum Nachdenken an und stellten die vorherrschende Lehrmeinung in Frage.

Viele Eltern und Großeltern, so die These von Reinhard, seien noch in hierarchischen Welt mit „oben und unten, richtig und falsch“, aufgewachsen und oft in ihr verhaftet. Doch inzwischen würden diese vertikalen Parameter immer mehr zugunsten von horizontalen wie „außen und innen, stimmig und unstimmig“ außer Kraft gesetzt. „In einer Welt mit Wahlmöglichkeiten haben Kinder keine Lust mehr auf das, was ihnen vorgesetzt wird“, betonte sie. Diese beiden Grundmuster seien in einem stetigen inneren Kampf miteinander.

Kinder erforschten die andere, neue Welt und ihre eigenen Bedürfnisse, so Reinhard. Damit kämen sie oftmals in Konflikt mit denen gängigen Denkschemata. Sie machte deutlich, dass sich die Heranwachsenden aber oftmals des Konflikts bewusst seien und ihn artikulieren könnten – wenn man sie denn frage. Das jedoch geschehe noch viel zu selten und führe in Ermangelung dessen zu Reaktionen, die von der Umwelt als nicht nachvollziehbar angesehen würden.

„Die pädagogische Welt“, sagte Reinhard, bewege sich allerdings nach und nach in diese „neue“ Richtung und trage den veränderten Verhaltensweisen Rechnung. In diesem Zusammenhang lobte sie ausdrücklich das Modell der Grundschule Schimmeldewog, die den Kindern viele Freiräume zur eigenen Entwicklung gebe. Ohne die geht es ihrer Meinung nach nicht. Denn „was basteln wir uns für eine Welt, wenn Kinder schon mit Ritalin gefüttert werden?“, sah sie die Reaktion der vorherrschenden Meinung auf „Abweichler“ als absolut falsch an.

Damit zementiere man im Gegenteil die Unterschiede zwischen „oben und unten“ sowie „außen und innen“. Es müsse aber genau anders herum laufen, meinte die Systelios-Frau. „Die Prinzipien dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, forderte sie. Sondern: „Wir müssen zu einem schwingungsfähigen System gelangen“, es gehe ums das Austarieren der jeweiligen Gesellschaftsmodelle.

In diesem Zusammenhang forderte sie die Eltern auf, von ihren Kindern zu lernen. Statt von oben herab zu sagen, wie es laufen solle, „fragen Sie einfach mal: Was meinst du?“ Außerdem gehe es um Ich-Botschaften. Dem anderen, ob groß oder klein, müsse vermittelt werden, „wie man selbst gewickelt ist“. In dem Zusammenhang, erläuterte Reinhard, gelte es, „mehr kommunikative Muster einzuüben“. Eltern müssten dem Trend allerdings auch folgen, „sonst sind sie in anderen Welten unterwegs“. Ihr ist es wichtig, einen Dialog anzustoßen: „Es ist wichtig zu wissen, wie der andere tickt.“

Mechthild Reinhard unterfütterte ihre Ausführungen mit zwei Beispielen aus der Praxis. Einprägsam war die Geschichte eines Neunjährigen, der ihr als suizidgefährdet vorgestellt wurde und ein kompletter Schulverweigerer war. Nach und nach kristallisierte sich heraus, dass der Junge seine eigene „Insel“ der Kreativität hatte, von der es zum „Festland“ Schule und gesellschaftliche Normen kaum eine Verbindung gab. Die Mutter trieb zum Schluss hilflos auf einer Luftmatratze, der auch noch die Luft entwich, dazwischen.

Was sie besonders beeindruckte: Die Schilderungen kam alle vom Kind selbst. Weswegen sie dazu aufforderte, Heranwachsende ernst zu nehmen. „Je mehr man bei Kindern sieht, desto mehr kommt auch zurück.“ Denn wenn sich der Neunjährige nicht der eigenen Zwickmühle bewusst gewesen wäre, hätte er selbst dieses Bild überhaupt nicht zeichnen können. „Kleine Menschen werden oft als Mangelware wahrgenommen“, bemängelte sie. „Dabei kommt es aber vorrangig auf unseren Blickwinkel an.“ Der Junge machte ihren Worten zufolge Haupt- und Realschulabschluss, später eine Lehre „und ist heute ein normaler junge Mann“.

Ihrer Meinung nach gibt es durch den Wandel der Gesellschaft „immer mehr Kinder und Jugendliche, die innerlich auf Mallorca sind“. Und die Erwachsenen täten durch Druckausübung alles, „damit der Ozean dazwischen immer größer wird“. Letztendlich, so Reinhard, gehe es darum, die Heranwachsenden dort abzuholen, wo sie seien, und ernst zu nehmen.

Bei den Eltern stießen ihre Thesen auf viel Widerhall. Einige konnten sich in den Szenarien wiedererkennen. Der Widerspruch zwischen den an einen selbst gerichteten Ansprüchen und der eigenen Kreativität wurde bewusst. „Es geht doch vielen so, dass man nicht immer Lust hat zu arbeiten“, meinte ein Vater. Und eine Mutter konnte sich sehr gut mit dem Bild der Luftmatratze identifizieren. Sie sei quasi immer der Mittler zwischen dem „Muss“ und dem „Wollen“.

Für Eltern und Kinder formulierte Reinhard abschließend ein paar Thesen, wie das Zusammenleben besser funktioniere: So müsse man selbst darauf achten, dass es einem gut gehe und nicht andere dafür verantwortlich machen. Eigene Bedürfnisse sollten kommuniziert werden. Diese gelte es auch eine eigene Grenzen zu markieren. Und wenn es einem nicht gut gehe, dann dies mitteilen und gemeinsam nach Lösungen suchen.

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