Blechkuchen und Sauerteigbrote finden beim ersten Backtag in Wald-Michelbach einen reißenden Absatz

So langsam geht für Gundolf Reh ein „24-Stunden-Tag“ zu Ende. Der Vorsitzende des Überwälder Heimat- und Museumsvereins ist am Back- neben dem Einhaus schon seit 14 Uhr am Vortag aktiv, als kurz nach 11 am Samstag die Blechkuchen hineingeschoben werden. Wenn die eine halbe Stunde später rauskommen, abgekühlt und verkauft sind, geht es nach dem zusammen mit den Landfrauen veranstalteten ersten Backtag des Jahres ans große Aufräumen.

Über 300 Grad war der Ofen heiß, bevor am Freitagabend die ersten Sauerteigbrote eingeschossen wurden. Bis alle drin waren, ging die Temperatur auf 260 runter, bis sie wieder draußen sind, „sackt sie auf 210 Grad ab“, weiß Gundolf Reh. Der besondere Geschmack entsteht auch durch die beim Backprozess absinkende Temperatur. Da das Backhaus den Winter über außer Betrieb war, hatte er schon am frühen Nachmittag mit dem Vorheizen begonnen, damit abends bereits die ersten hungrigen Mäuler bedient werden konnten.

36 Kilo Natursauerteigbrote mit dem Rohmaterial von Bäcker Lipp gingen am Freitag in den Ofen – und danach schnell über die Theke. Nicht anders war es am Samstag. Kurz nach 7 heizt Reh den Ofen vor. Kurz vor 11 herrscht noch gähnende Leere auf der Hofwiese. Denn, ganz plötzlich, mit dem Gongschlag, kommen die Gäste vorbei, schnell wechseln die 36 Zweipfünder ihre Besitzer, bis fünf Minuten später nur noch ein paar vereinzelte Sauerteigbrote auf die letzten Abnehmer warten.

Die Sauerteigbrote kann man auch ohne Probleme zuhause machen, sagt Reh. Benötigt werde nur der Natursauerteig zum Ansetzen, den man entweder in der Apotheke bekomme – oder bei einem Bäcker bekomme, der noch damit arbeite. Die Brote bestehen aus 90 Prozent Roggen und zehn Prozent Weizen. „Das Besondere daran ist die dicke Kruste“, so Reh. Sie entsteht durchs Backen bei diesen hohen Temperaturen und sorgt dafür, dass die Brote länger frisch bleiben.

Manche kommen auch extra mit ihrem eigenen Teig vorbei, um ihn im Steinofen backen zu lassen. „Das schmeckt ganz anderes, als wenn man es zuhause macht“, wird Gundolf Rehs Aussage sofort aus der Gästeschar bestätigt. Freitagabends war etwa Horst Weber aus Aschbach da, „der ausnutzte, dass der Ofen heiß ist“. Drei Brote und zwei Blöcke Brötchen buk Reh für ihn. Den Backtag richtet der Verein schon seit einigen Jahren aus. Er möchte damit eine alte Tradition bewahren und gleichzeitig Backwaren aus früheren Zeit mundgerecht für den heutigen Gaumen zubereiten.

Wenn die Brote draußen sind, schlägt die große Stunde der Landfrauen. Sie haben schon den ganzen Vormittag die drei Bleche mit Kuchen vorbereitet. Und sind sowieso schon am Abend vorher und auch während des Brotverkaufs aktiv und bieten die Brote mit Aufstrich an: entweder süß in Form von selbstgemachter Marmelade wie Quitte und Holunder oder eher deftig mit Kochkäse. Dazu gibt’s abends ein Bier und morgens natürlich auch einen Kaffee.

Beim ersten Backtag im Jahr gibt’s traditionsgemäß immer Streusel- oder Apfel-Streusel-Hefekuchen. Ersterer ist auf Ourewällerisch auch als „Riwwelkuchen“ bekannt. Zu diesem Namen wusste Reh eine schöne Geschichte. Vor zwei Jahren hatte er eine russische Aussiedlerfamilie im Heimatmuseum zu Gast, die von ihrem Wohnort Hamburg aus ganz Deutschland bereiste. Als die Frau das Wort „Riwwelkuchen“ gehört habe, glänzten laut Reh ihre Augen. Denn den Begriff kannte sie noch von der deutschstämmigen Urgroßmutter, die ihn immer gebackten hatte – aber hatte ihn seitdem nicht mehr gehört.

Bei den Überwälder Landfrauen ist die Kuchenherstellung ein großes Teamwork. Drei Bleche mit je 40 Stück werden von ihnen vorbereitet. Die Rezepte stammen aus dem Backbuch „Walters Hefeteig“. In ihm hat die Wald-Michelbacherin Lore Walter Rezepte aus früheren Jahrhunderten zusammengefasst. Die – der Name sagt es schon – sich immer um den Hefeteig und seine wohlschmeckende Verarbeitung drehen.

Anita Jäger und Cäcilia Weihrauch kümmern sich ab 6 Uhr morgens um die Zubereitung des Hefeteigs. Da der „gehen muss“, braucht er auch eine gewisse Vorlaufzeit. Für die geschälten und geschnittenen Äpfel sorgt Hertha Walter, während Waltraut Ruths in viel Kleinarbeit die Streusel herstellt. Adelheid Staat verteilt den Teig auf dem Blech, Gertrud Strauch koordiniert alles und schaut nach den Zutaten, Waldtraud Schafhauser unterstützt den Brotverkauf.         Und fertig sind 120 wohlschmeckende Stück Blechkuchen, wie den Landfrauen wie die sprichwörtlichen warmen Semmel aus den Händen gerissen werden.

Info: Weitere Backtage finden statt am 14. Mai, 11. Juni, 9. Juli, 13. August, 17. September und 15. Oktober, jeweils 10 bis 13 Uhr, am Backhaus in der Hofwiese, Wald-Michelbach.

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