„Dalilas lange Nacht“ im Trommer Hoftheater: Der Weg ins Land der Träume entwickelt sich fast zum Albtraum

Sie nutzt die gesamte Breite des von Davis Maras gestalteten Bühnenbildes. Flüstert, bettelt, schreit, erzählt, bittet gurrend um Beistand, hofft wortreich, lässt ihrer Verzweiflung freien Lauf. In ihrem Gesicht spielt sich die ganze Bandbreite der Mimik zwischen erwachender Hoffnung und fortschreitender Verzweiflung bis hin zur Desillusionierung ab, gefolgt von ungläubigen Erstaunen über den Erfolg: Ayca Basar beherrscht als Dalila beim Ein-Frau-Stück „Dalilas lange Nacht“ im Trommer Hoftheater die Bühne, zieht in ihren Bann.

Der vom Münchner Autorenteam Hürdem Riethmüller, Tristan Berger und Orhan Güner geschriebene Monolog über das Fremdsein (auch im eigenen Land) ist sogar älter als die 1993 geborene und jetzt in Mannheim wohnende Schauspielerin Basar. Und ist trotzdem von ungeahnter Aktualität. So stark, dass es nach seiner Erstaufführung Ende der 80er Jahre zwischenzeitlich aktualisiert wurde.

Für die Aufführung auf der Tromm nahm sich Jürgen Flügge des Themas als Regisseur an. Die aktuelle politische Situation scheint an allen Ecken und Ende durch. Dalila ist eine der vielen Flüchtlinge, Migranten und Einwanderer, die versuchen, hierzulande Fuß zu fassen. Und dabei auf ein undurchdringliches Dickicht an Behördenwirrwarr trifft. Dem versucht Dalila mit orientalischer Schläue entgegen zu stehen, möchte die kalten Bürokraten mit der Wärme arabischer Geschichten schlagen.

Ins Land ihrer Träume zu kommen entwickelt sich dabei nach und nach fast zum Albtraum. Dalila droht an den aufgebauten Hürden zu verzweifeln, kommt mit den unterschiedlichen Mentalitäten nicht klar. Die Worte werden ihr im Mund herumgedreht, gängige Vorurteile machen die Missverständnisse leicht. Kurz vor der Abschiebung hält sie dann doch eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Händen – kann sich aber überhaupt nicht mehr drüber freuen.

Ayca Basar, im fünften Semester Studentin an der Mannheimer Theaterakademie, zieht dabei alle Register ihrer Schauspielkunst. Ohne sichtbaren Anflug von Nervosität füllt sie die Bühne aus, zeigt große Präsenz, geht auf die Zuschauer zu, spricht zwischendurch auch einmal wie mit sich selbst, lässt die Gäste an ihrer Seelenpein teilhaben. Denn sie will ja eigentlich nichts anderes, als ins gelobte Land zu kommen, von dem ihr zuhause erzählt worden war.

„Sie können mich nicht erkennen? Kaum dass ich einen Fuß in dieses Land gesetzt habe, zwingen Sie mich, meine äußere Erscheinung aufzugeben, und dann … werfen Sie mir vor, nicht mehr die Dalila zu sein, die auf dem Passbild zu sehen ist.“ Basars zeternde, säuselnde, bittende, hoffende Dalila hadert mit den Widrigkeiten, sich einerseits anpassen zu sollen, andererseits aber doch immer wieder auf ihre Herkunft reduziert zu werden.

Deshalb versucht sie, mit der Bildgewalt der Geschichten aus „1001 Nacht“ und zahlreichen Gleichnissen den Beamten ihre Welt näherzubringen. Mit der Magie der alten arabischen Märchenwelt möchte sie die fünf Prüfungen vor den seelenlosen Torwächtern bestehen, die ihr den Zutritt verwehren. Phantasie gegen deutsche Verwaltungs-Nüchternheit, farbige, vor Leben strotzende Erzählungen gegen vorgezeichnete Verfahren – eigentlich ist in der Realität kein Happy-end vorprogrammiert.

Bunte Erzählungen mit einem Schuss Unwahrscheinlichkeit, pfiffiger Witz und ein bisschen Derbheit: Ayca Basar geht in ihren Geschichten auf, lässt das verliebte Paar zu Wort kommen, die Haremsfrauen, weiß von der Prinzessin und dem Affen ebenso zu berichten wie von der alten Frau in der Wüste. Immer verbirgt sich ein tieferer Sinn dahinter, der oftmals an Moral und Anstand, an aufrechte Haltung appelliert. Und in den sonst sich an Gesetzesbuchstaben klammernden Beamten erstaunliche Reaktionen auslösen.

Nach einer guten Stunde ist Dalila erschöpft, fast desillusioniert, jedoch am Ziel ihrer Träume. Ayca Basar schwankt das letzte Mal zwischen purer Verzweiflung und erstaunter Freude über die unverhoffte Anerkennung. Der imaginäre Vorhang fällt, die 23-Jährige eilt von der Bühne, um dann für begeisterten Applaus zurückzukehren. Und sich großes Lob von Jürgen Flügge einzuheimsen: „Du hast Unglaubliches geleistet“, sagt der. Was in den vielen Glückwünschen aus dem Zuschauerraum ebenso zum Ausdruck kommt.

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