Kikeriki-Theater in Affolterbach: Hessische Kabbeleien und Babbeleien mit Hintersinn

Mit einem „Kikeriki“ von der dunklen Bühne geht‘s gleich passend los. Drei seltsame Gebäude dominieren oben das Geschehen, während sich unten, in der vollbesetzten Peter-Heckmann-Halle, amüsierte Spannung breit macht. Die sich mit einem lauten „Guudn Morsche“ aus der Höhe gleich in Gelächter auflöst: Das Kikeriki-Theater ist mit seinem Erfolgsstück „Deppenkaiser – eine dreigedrehte Dorfgeschichte“ zu Gast in Affolterbach: Es folgt knapp zwei Stunden lang eine Hessisch-Lehrstunde mit ernstem Hintergrund.

Und das gleich zwei Mal in der ausverkaufen Halle, wie Joerg Rettig für den SV in seiner Ansage zu Beginn freudig verkündete. Um gleich noch ein paar statistische Zahlen nachzuschieben. Seit über 20 Jahren gebe es die Darmstädter Comedy-Hall mit angeschlossenem Theater schon. In dieser Zeit hätten 1,1 Millionen Zuschauer die verschiedenen Vorstellungen gesehen. Inzwischen ist schon die zweite komödiantische Generation am Start.

Wenn sich oben die drei Fensterläden öffnen, drei geschnitzte Puppen nach vorn treten, die ersten Bewegungen zu sehen sind, könnte man noch an ein Marionettentheater denken. Das vergeht aber spätestens dann, wenn Herbert, Schorsch oder Ingeborsch den imaginären Mund aufmachen. Es kommen heraus: breitestes Hessisch, derbe Volksweisheiten, spitze Bemerkungen, aktuelle Bezüge und hinter allem – eine Botschaft, verdeckt von Albereien, aber sich mehr und mehr deutlich formierend, zum Glück ohne Zeigefinger.

Die drei Bewohner eines „kleinen feinen Dorfs mit kleinen feinen Häusern und lieben netten Leuten“ haben ihr ganz eigenes tägliches Ritual. Brezel, Äbbelwoi und Handkäs werden ausgetauscht, angereichert mit ein paar unappetitlicheren Bemerkungen dazu, die normalerweise den Hunger nicht steigern würden. Von oben runter kommt das aber mit einem solch charmanten, schnoddrigen, dialekteingefärbten Ton, dass das Publikum gar nicht anderes tun kann – als zu lachen.

Ein Geheimnis des Erfolgsstücks ist die Unaufgeregtheit der Schauspieler. Spontaneität ist quasi Pflicht, kurzzeitige Hänger werden mit Humor überspielt, manchmal überholen sie sich beim Babbeln dazu selbst und kommen darüber so selbst ins Lachen, dass das Prusten kaum noch zu unterdrücken ist. Die Zuschauer dürfen dabei auch nicht einfach still dasitzen. Das fängt damit an, dass besagtes „Guudn Morsche“ in den Saal hinein wie auch hinausschallen soll. „Das üben wir gleich nochmal“, gibt’s nach der ersten, nur zaghaften Antwort zu hören.

Das Nonstop-Feuerwerk aus derb-frivolen Babbeleien und Kabbeleien genügt die erste halbe Stunde erst einmal sich selbst. Die Satzfetzen und Weisheiten fliegen zwischen den drei Hausbewohnern nur so hin und her, Sinn und Zweck werden gerne auch mal ausgeblendet, wenn sich ein Wort das andere gibt und die Schauspieler am Ende nicht mehr wissen, wie der Anfang war. „Nur net versuche nachzudenke“, meint Herbert in einer der wenigen stillen Minuten. „Mir spiele das Stück jetzt schon seit vier Jahre und wisse immer noch net, worum‘s geht.“

In diesem Sinne verläuft auch der Auftritt des fremden Reitersmann mit seiner gestelzten und, fast noch schlimmer, hochdeutschen Sprache. Man versteht einander nicht, interpretiert natürlich das Falsche, Lacher vorausgesetzt, und kann erst mal gar nichts miteinander anfangen. Freiherr Franz von Zossenhain ist bald einfach „der Franzos“, was bei den Dorfbewohnern ungeahnte Kenntnisse der Nachbarsprache heraufbeschwört.

Doch der Fremde mit seinem schwülstigen, überkandidelten und abgehobenen Gelaber sät bald Zwietracht. Denn die Dorfbewohner waren sich vorher eigentlich selbst genug, betrieben Tauschhandel, brauchten keinen Sprecher, weil sie alle drei bis zum Exzess selbst genug sprechen – pardon Hessisch babbeln, bis die Gosch qualmt.

Langsam, schleichend kommt die Botschaft hinter dem Ganzen ins Spiel, immer wieder überdeckt von nahtlos rausgehauenen Gags, die wie mit der Pistole geschossen von der Bühne schallen, oftmals in einer Frequenz, dass man ihnen kaum noch folgen kann. Der Diskurs, ob nun der Esel des Freiherrn WLAN, Bluetooth oder Ladekabel hat, ist herrlich. Die Situationskomik überschlägt sich förmlich. Der „Wand“-Käs im direkten Wortsinn als Orientierungshilfe im Keller ist klasse: „Der macht zwar nicht hell, aber wo es stinkt, ist die Wand.“

Bis, ja bis, der schnöde Mammon seine Regentschaft antritt. Durch stetiges Anreden schafft es der Freiherr, den drei gutgläubigen Dorfbewohnern eine „Schein-Währung“ anzudrehen. Neid und Missgunst regieren plötzlich. Der „Ortsversteher“ soll Ordnung reinbringen, doch der Streit mit Bembel-Herzog und Handkäs-Queen eskaliert. Bald ist Herbert, Schorsch und Ingeborsch das alles viel zu viel. Sie küren den Franz zum Kaiser. Seinem Schmarotzertum überdrüssig, wird er bald mit einer „Occupy-Deppenkaiser-Bewegung“ angegangen und schließlich vergrault.

Der Stück, gespielt von Jeannette Dintelmann, Florian Harz, Felix Hotz und Hanno Winter ist die hessische Antwort des Darmstädter Puppentheaters auf Wirrungen der heutigen Zeit mit permanenter, Wirtschafts-, System- und Gesellschaftskrise. Das Ganze dialektisch verzerrt und überhöht bis zum absurden Geht-nicht-mehr, was die Unsinnigkeit des ganzen Treibens umso schöner zum Ausdruck bringt.

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