Bergsträßer SPD will dem „verkehrspolitischen Entwicklungsland“ auf die Sprünge helfen

Ein attraktiver öffentlicher Nahverkehr (ÖPNV) im Odenwald ist eines der Schwerpunktthemen der SPD-Kreistagskandidaten aus Überwald und Weschnitztal. Um sich ein eigenes ÖPNV-Bild zu machen sowie Fahrgastwünsche und Detailfragen erörtern zu können, fuhren Karin Hartmann aus Grasellenbach, Josef Rothmüller aus Rimbach, Sven Wingerter aus Wald-Michelbach, Detlev Haas aus Mörlenbach und Timo Falter aus Birkenau mit der Weschnitztalbahn. Sie nahmen dabei auch die neuen Fahrzeuge in Augenschein, die seit Dezember unterwegs sind.

Wingerter, der das Thema als verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion intensiv bearbeitet, betonte gleich zu Beginn: „Der Kreis Bergstraße ist leider immer noch verkehrspolitisches Entwicklungsland.“ Dabei sei ein gutes Mobilitätsangebot zentraler Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Viele Orte im Odenwald litten unter schlechten Verkehrsanbindungen und einem dünnen oder nicht vorhandenen ÖPNV-Angebot.

Der Kreis Bergstraße mit seiner Schlüsselstellung zwischen den beiden wirtschaftsstarken Metropolregionen brauche jedoch ein leistungsstarkes, attraktives und flächendeckendes Mobilitätsangebot – auch in vermeintlich kleineren Orten. Dazu gehöre die Umsetzung des Prinzips „Kreis Bergstraße im Halbstundentakt“, so dass verlässlich alle halbe Stunde ein Bus oder eine Bahn komme. Vorhandene Fahrplanlücken müssten diesbezüglich konsequent beseitigt werden. Dort, wo sich der Halbstundentakt im Linienbetrieb nicht sinnvoll realisieren lasse, sollten Anruf- oder Flexibus eingeführt werden, um die gleichen Qualitäts- und Angebotsstandards sicherzustellen, berichtete Wingerter aus einer Diskussion, die er in Wald-Michelbach bereits angestoßen hatte.

Die Odenwälder Kommunalpolitiker gingen mit CDU und Grünen scharf ins Gericht. So sei die verkehrspolitische Bilanz der schwarz-grünen Koalitionen sowohl im Land als auch im Kreis Bergstraße geradezu ein trauriger Witz: Falsche Anreize und das Fehlen von Prioritäten bei der Infrastruktur offenbarten eine völlig konzeptionslose Verkehrspolitik, die zu einem Sanierungsstau in Milliardenhöhe geführt habe. „Die Landesregierung investiert nicht nur zu wenig in den Straßenbau wie bei der B38a, sondern verweigert auch eigene Landesmittel für den ÖPNV“, stellte der Kreistagsabgeordnete fest.

Die fehlenden Investitionen in die Infrastruktur konnten die SPD-Kandidaten auf der Strecke alle paar Sekunden feststellen: Der Zug muss an über 30 unbeschrankten Bahnübergängen sowie weiteren Langsamfahrstellen abbremsen. „Statt Tempo 80 fahren wir dann oft nur Tempo 20 mit allen Auswirkungen auf die gesamte Fahrzeit“, erklärte Wingerter. Die Beschleunigungsstärke der modernen Fahrzeuge könne so gar nicht erst effizient genutzt werden.

Würde die Strecke endlich einmal richtig ertüchtigt und unbeschrankte Bahnübergänge auf ein Minimum reduziert, könnten zusätzliche Haltepunkte problemlos realisiert werden. „Standorte in Mörlenbach und in Rimbach müssten nicht gegeneinander ausgespielt werden“, waren sich Detlev Haas und Josef Rothmüller einig. „Und man wäre trotzdem noch schneller am Ziel.“

Die SPD setzt sich zudem dafür ein, dass die Weschnitztalbahn ohne Umsteigen direkt bis nach Mannheim und zurück „in einem ordentlichen Takt“ den ganzen Tag über fahre – und nicht wie heute nur ein einziges Mal täglich. Neue Fahrzeuge schön und gut, doch an den vorhandenen Mängeln der Infrastruktur, des Betriebskonzeptes und des Fahrplans könnten diese auch nichts ändern. „Für ein attraktives ÖPNV-Gesamtkonzept im Odenwald reicht das nicht“, betonte Wingerter.

Zentrales Ziel im Wahlprogramm der SPD Bergstraße ist aus diesen Gründen die Einrichtung einer echten, eigenständigen und vom Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) unabhängigen, lokalen Nahverkehrsgesellschaft, die als „Dreh- und Angelpunkt für einen besseren ÖPNV“ betrachtet wird. „Jeder Landkreis und jede kreisfreie Stadt in Hessen hat eine solche Gesellschaft, nur die schwarz-grünen Koalitionäre im Kreis Bergstraße meinen, der VRN könne das für uns mitmachen und trotz zahlreicher Interessenskonflikte unsere Ziele verfolgen“, machte Wingerter deutlich.

Der SPD-Kreistagsabgeordnete verwies auf die kürzlich erfolgte Ablehnung entsprechender SPD-Anträge im Kreistag. Die Konsequenzen davon seien für die Fahrgäste deutlich sichtbar: sei es durch ein schlechteres Angebot, eine miserable Kundennähe, deutlich ausbaufähigen Mobilitätsberatungsangeboten oder eben auch beim Zugverkehr.

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