Die Lebensgeschichte eines ganzen Jahrhunderts

Wenn jemand von einem bewegten Leben sprechen kann, dann Johanna Mayer. Sie feierte jetzt den 100. Geburtstag im Kreise ihrer Lieben. Viele Schicksalsschläge musste die Jubilarin im vergangenen Jahrhundert überstehen, kam aber immer wieder auf die Beine und ist auch heute noch von bemerkenswerter Rüstigkeit. Neben den Verwandten, darunter drei Nichten und zwei Neffen, sowie Bekannten gratulierten auch Bürgermeister Joachim Kunkel und Ortsvorsteher Helmut Gremm.

In Stuttgart als drittes von fünf Kindern der Eheleute Marta und Bernhard Eberhard geboren, traf es die Familie schon in Johannas frühesten Kinderjahren hart. Der Vater fiel 1917 während des Ersten Weltkriegs in Frankreich, ihre Schwester im Alter von drei Jahren an Hirnhautentzündung. Die großelterliche Möbelfabrik im Odenwald ging 1923 in Folge der Inflation zu Grunde.

In all der Zeit war Mutter Marta der ruhende, beständige Pol, der ihr und den Geschwistern trotz aller Widrigkeiten Geborgenheit vermittelte. Von ihr bekam sie vorgelebt, auch in schweren Zeiten das Leben zu meistern. Die letzten Kriegsjahre, das Kriegsende, Aufstieg und Fall der Weimarer Republik, die Wirtschaftskrisen, die Inflationen, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg bestimmten ihre Kindheit und Jugendjahre sowie prägten Johanna Mayer für ihr ganzes Leben.

Jedoch gab es in dieser dunklen Zeit auch sonnige Seiten. Mit ihrer Mutter Marta lebte sich von 1919 bis 1929 bei Darmstadt, was für die späteren Jahre bedeutsam sein sollte. Bei der Firma Bleyle in Stuttgart war sie dann ab 1929 bis Kriegsbeginn als Näherin beschäftigt und wurde schon bald mit der Aufsicht über die anderen Näherinnen beauftragt.

Doch auch weiterhin, als junge Frau, wurde Johanna Mayer vom Schicksal geprüft. Ihr erster Mann Walter wurde kurz nach der Heirat im Mai 1939 eingezogen und kehrte aus dem Krieg nicht zurück. Ohne ihn musste sie „ihre Frau“ stehen und die Bäckerei in Darsmtadt-Eberstadt über die Kriegsjahre bringen. Mit der Unterstützung und Hilfe der Eltern des gefallenen Ehemannes war es möglich, die Bäckerei erfolgreich weiterzuführen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte auch das Schicksal auf lange Zeit seine Schläge ein. Es begannen „die glücklichen, mit Sonne beschienenen Lebensjahre“. Johanna Mayer lernte 1952 ihren späteren zweiten Ehemann, Theo Mayer, kennen. Nach der Heirat im Frühjahr 1953 begannen beide die Bäckerei zu modernisieren. Mit großen Erfolg führten sie in Eberstadt und Darmstadt die schwäbische Brezel ein. Für die Neffen und Nichten – Johanna Mayer hat keine eigenen Kinder – war es stets eine schöne Zeit, dort die Ferien verbringen zu dürfen.

„Schwäbische Tüchtigkeit und Fleiß setzen sich durch“ war stets das Motto der Bäckersleute. Viel Unterstützung bekamen sie dabei auch von ihren Angestellten, den drei „schwäbischen Mädels“. Der Ruhestand 1970 bildete den Ausgangspunkt dafür, dass Johanna Mayer heute in Siedelsbrunn wohnt. Denn eine der mittwochnachmittäglichen Ausfahrten führte das Ehepaar in den Überwald an den Hardberg.

Fernab der Stadt in der ländlichen Idylle beschlossen sie, dort ihren Lebensabend zu verbringen und bauten das Haus, in dem die 100-Jährige heute noch lebt. 1985 schlichen sich die Schicksalsschläge wieder in das ruhig gewordene Leben von Johanna Mayer ein. Ihr zweiter Ehemann Theo starb – und 1988 auch Willi Müller, den sie nur ein Jahr zuvor kennengelernt hatte und mit dem sie eine Lebenspartnerschaft eingegangen war. Wieder musste sie sich allein im Leben zurechtfinden.

Selbst ein Herzinfarkt vor knapp zwei Jahren konnte Johanna Mayer aber nicht niederwerfen. Sie kämpfte sich unermüdlich ins Leben zurück, ist aber seitdem auf Betreuung angewiesen. „In der Bibel wird die Zahl 100 als Zahl des Jubels und der Freude bezeichnet“, meinte Neffe Eckhard Schaller bei der Geburtstagsfeier – weswegen er alle Gäste bat, das Glas auf seine Tante zu erheben.

(Das Privat-Bild zeigt Johanna Mayer mit ihrem zweiten Ehemann Theo)

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