Durch den Abzug von Lehrerstunden könnte das ÜWG zum „Gymnasium zweiter Wahl“ werden

Martina Tavaglione, 38, ist Vorsitzende des Gesamtelternbeirats am Wald-Michelbacher Überwald-Gymnasium. Zwei ihrer drei Kinder gehen aufs ÜWG. Aus Sicht der Eltern nimmt sie zu den Kürzungsplänen der Landesregierung Stellung.

Frau Tavaglione, in der gymnasialen Oberstufe sollen Lehrerstunden zugunsten des Pakts für den Nachmittag und der Inklusion abgezogen werden. Was sagen Sie dazu?

Tavaglione: Warum muss eine Entlastung der Eltern und Grundschulen eine Belastung der Gymnasien darstellen? Hier wird nur umgeschichtet, anstatt dass das Schulsystem weiter ausgebaut wird. Man nimmt einem Teil des Systems etwas weg, damit ein anderer Teil es bekommt? Ist das gerecht? Nein. Die Gymnasien leisten sehr gute Arbeit. Dafür werden sie jetzt bestraft, weil man meint, sie könnten diese gute Arbeit auch weiterhin erbringen, nur mit weniger Arbeitskräften. Vielleicht hätten sich unsere Gymnasiallehrer nach der ganzen Pisa-Misere weniger ins Zeug legen sollen, dann würde man sie jetzt nicht wegrationalisieren – in dem Glauben, dass ein Lehrer den Job von zweien machen kann.

Hat die PISA-Studie dann aus Ihrer Sicht nichts bewirkt?

Tavaglione: Wenn man sich im Nachhinein anschaut, was die Pisa-Studie an Geldern verschlungen hat und welch bombastischen Aufwand an Personal sie benötigte, wird einem schier schwindelig. Was in der Folge über das Schulsystem hereinbrach, sorgt immer noch bei sehr vielen Eltern und Lehrern für Kopfschütteln.

Welche Auswirkungen befürchten Sie konkret am Überwald-Gymnasium, wenn wie geplant acht Lehrerstunden in der Oberstufe gestrichen werden?

Tavaglione: Am Überwald-Gymnasium wird diese Umverteilung der Mittel folgende Auswirkungen haben: Die Oberstufenkurse wachsen bis auf das doppelte an Schülern an, sodass dann 30 oder mehr Jugendliche in einem Kurs sitzen. Das kann man dann kaum noch Leistungskurs nennen. Die Leistung besteht höchstens darin, überhaupt noch was vom Unterricht mitzukriegen und nicht in einer solch großen Lerngruppe unterzugehen. Außerdem wird das ÜWG bei gekürzten Lehrerstunden sein bisher tolles, breites Angebot an Kursen nicht mehr bieten können.

Was bedeutet dies?

Tavaglione: Es wird weniger Kurse geben, da es weniger Lehrer gibt. Die Schüler können nicht mehr wirklich entsprechend ihren Neigungen nach auswählen. Wenn sie das tun möchten, werden sie an andere, größere Schulen abwandern, die ihnen das bieten können, was das ÜWG gerne bieten würde, aber dann nicht mehr kann.

Welche Konsequenzen befürchten Sie für die Schule?

Tavaglione: Die Kürzung der Oberstufen-Lehrerstunden könnte unser ÜWG womöglich zum Gymnasium zweiter Wahl machen. Die unter vielen Anstrengungen jetzt endlich wieder wachsenden Schülerzahlen in der Unterstufe brechen uns dann Anfang der Oberstufe wieder weg. Das kann ja wohl nicht Sinn und Zweck der Schulpolitik sein.

Was wurde am ÜWG in den vergangenen Jahren in die Wege geleitet?

Tavaglione: Wir sind gerade an unserer Schule seit Jahren sehr engagiert und aktiv, Kinder aus dem Ort nicht an andere, weiter entfernte Schulen abwandern zu lassen. Und dann sollen wir diese in der Oberstufe, mit guten Wünschen, wieder ziehen lassen? Weil uns manche Politiker in einer gewissen „Gutsherrenmanier“ sagen wollen, wie das Geschäft zu laufen hat? Uns, Leuten, die sich täglich damit beschäftigen, allen Kindern nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden. Das kann nicht sein.

Der Pakt für den Nachmittag und die Inklusion sind eigentlich lobenswerte Vorhaben. Wie sollen diese ihre Meinung nach angegangen werden, ohne dass es sich nachteilig auf kleine Gymnasium und deren Schüler auswirkt?

Tavaglione: Die Inklusion ist eine wichtige Sache. Bereits im Kindergarten habe ich mich bewusst dafür entschieden, meine beiden Kinder in die damals noch sogenannte Integrationsgruppe zu geben. Heute heißt es eben Inklusion. Ich wollte, dass meine Kinder früh lernen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt. Mir ist wichtig, dass sie ohne Berührungsängste mit Kindern umgehen können, die anders sind als sie. Und auch der Pakt für den Nachmittag ist eine tolle Sache. Aber weshalb muss an einer ebenso wichtigen Stelle, nämlich der Vorbereitung auf den Beruf und die Universität, gekürzt werden, um Inklusion und Nachmittagsbetreuung möglich zu machen? Das ist ein Armutszeugnis für Hessen und eine Augenwischerei, was die Öffentlichkeit betrifft.

Was kritisieren Sie?

Tavaglione: Hier wird so getan, als käme etwas zu unserem Schulsystem hinzu, stattdessen wird nur umverteilt. Das ist eine sehr kurzsichtige Schulpolitik, die hier betrieben wird. Ein ähnliches Beispiel war das achtjährige Gymnasium – ein offensichtlicher Schuss in den Ofen, bei dem es auch nur um Sparmaßnahmen ging. Und jetzt wird denselben Schülern, die schon unter G8 leiden mussten, auch noch eine Oberstufe mit Einschränkungen zugemutet. Es gehört zusätzliches Geld in den Schulsektor gepumpt. Aber anscheinend lässt Wiesbaden uns lieber ausbluten. Es ist schon klar, was hier dahinter steckt. Man versucht irgendwo, egal wo, zu sparen. Aber hier wird am ganz falschen Ende gespart.

Was ist Ihrer Meinung nach das Ende vom Lied?

Tavaglione: Über kurz oder lang werden die kleinen Gymnasien nicht mehr konkurrenzfähig sein und zugemacht werden. Ich hoffe nur, dem ÜWG wird das nicht passieren.

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