Ein Ameisenschutzwart rettet Millionen: Der ehemalige Birkenauer Revierförster Siegfried Winkler führte vor 45 Jahren seine erste „Rettungsumsiedlung“ durch

„Diese Umsiedlung hat sich prächtig entwickelt“, deutet Siegfried Winkler auf einen etwa einen Meter hohen Ameisenhaufen im Wald bei Weiher. Dort wuselt es in der Sonne nur so, ist rings um das Nest auf praktisch jedem Quadratzentimeter Bewegung festzustellen. Und auch in die Höhe: „Die Fichte wird belaufen“, weist Ameisenschutzwart Winkler darauf hin, dass weiter oben Läuse sitzen, die von den Ameisen gemolken werden.

Ameisenschutzwart – ein eher ungewöhnlicher Beruf. Winkler hat ihn im Rahmen seiner Ausbildung zum Förster gelernt. „Vor 45 Jahren habe ich meine erste Rettungsumsiedlung durchgeführt“, erzählt der ehemalige Birkenauer Revierförster. Damals im Zuge von Wegebaumaßnahmen im Bereich des Forstamts Herborn. Eine Population, die er zu späterer Zeit aus dem Taunus mit dem Kleinbus in den Odenwald karrte, „lebt heute noch in der Nähe des Höhenwanderwegs Weinheim-Buchklingen“.

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Etwa 40 Rettungsumsiedlungen hat der 66-jährige Winkler im Laufe seiner Berufsjahre über die Bühne gebracht. Eigentlich ist er ja inzwischen schon im Ruhestand, hilft aber trotzdem gerne aus, wenn er angefragt wird. Denn in ganz Südhessen „gibt es nur sechs Ameisenschutzwarte“, sagt er bedauernd. Und im Odenwald ist er der einzige, weshalb sein Weg mitunter auch mal nach Michelstadt führt. Oder nach Fränkisch-Krumbach wie im vergangenen Jahr.

Dort sollte der Abflugplatz eines Drachen- und Gleitschirmvereins verbreitert werden, erläutert Winkler. Bedingung der Unteren Naturschutzbehörde für eine Genehmigung sei gewesen, dass das dortige Ameisenvolk einen neuen Platz erhält. Zusammen mit seinem Nachfolger als Birkenauer Revierförster, Matthias Kolb, habe er die Tiere dann ebenfalls in den Weiherer Wald verfrachtet. „Im Herbst dachte ich noch, es hat nicht funktioniert“, zweifelte er am Erfolg, „weil ich nicht eine Königin gesehen habe“. Doch im Frühjahr füllte sich der Ameisenhaufen mit neuem Leben, das sich auch heute noch beobachten lässt.

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Eine solche Rettungsaktion geht laut Winkler ziemlich unspektakulär über die Bühne, auch wenn die „Retter“ natürlich eine entsprechende Fachausbildung vorweisen müssen. Denn „Waldameisen sind streng geschützt“. Bevollmächtigte mit Lehrgängen bei den Ameisenschutzwarten „sind Voraussetzung“. Der ehemalige Förster rückt mit drei großen Tonnen an. Das Nest wird in drei Teilen von oben nach unten „mit Hacke und Schaufel“ in die Tonnen verfrachtet und an der neuen Stelle in umgekehrter Reihenfolge wieder ausgekippt. Im Winter legt er als Schutz gegen den Specht etliche Stöcke aufs Nest, damit dieser nicht Löcher hineinhacken kann.

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„Ich suche mir vorher immer einen Stock und lockere die Erde auf“, erzählt Winkler. Denn die Königinnen „wollen sich gleich verkriechen“. Waldinnen- oder -außenränder, sowohl mit Sonne als auch mit Schatten, seien als Standort optimal. Und die Nähe zu Fichte, Kiefer, Eiche, Lärche oder Weißtanne. In deren Nähe fühle sich die kleine rote Waldameise besonders wohl, weil sie auf den Bäumen Lauskolonien vorfinde. Diese würden gemolken und der damit gewonnene Honigtau zu einer der zahlreichen Königinnen gebracht. In Buchenwäldern (und somit in Granitgebiet) finde man nur wenige Ameisenhaufen, weil dort diese Voraussetzungen nicht gegeben seien. „Die größten Waldameisenkolonien gibt es in Tannen- und Fichtenwäldern.“

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Umgesiedelt werden darf laut Winkler bei Straßen- und Wegebaumaßnahmen sowie bei Hausbauten am Waldesrand – immer erst nach Genehmigung durch die Naturschutzbehörde. „Ein Erfolg ist fast sicher, wenn es sich um die kleine rote Waldameise handelt“, sagt der 66-Jährige. Denn die habe mehrere hundert bis über 1000 Königinnen und sei Kolonien bildend. Im Gegensatz zum großen Bruder: die große rote Waldameise habe nur eine Königin – diese bei einem Transport zuerst zu erwischen und dann auch noch heil wieder auszusetzen, sei eine Herausforderung. Ähnlich verhalte es sich bei der Wiesenameise, die ebenfalls zu den drei im Odenwald vorkommenden Arten zählt.

Die Unternehmung kann Winkler zufolge nur im Frühjahr in Angriff genommen werden. Während der „Sonnungsperiode“ seien die Königinnen dicht unter der Oberfläche des Nests zu finden. Damit seien „alle Stadien für ein neues Volk vorhanden“. Etwa 200 Königinnen seien für einen Kunstableger notwendig, „damit das Völkchen gedeiht“. Im Winter und auch im Hochsommer finde man die Königinnen dagegen erst in ein bis zwei Meter Tiefe. Somit gestalte es sich sehr schwierig, sie überhaupt zu erwischen.

Mit der „kleinen Roten“ gelang es dem ehemaligen Förster vor fast 20 Jahren, ein zuvor ameisenleeres Gebiet am Waldsknopf, Nähe Teufelsstein bei Löhrbach, wieder zu besiedeln. Und wie: „Aus zwei Ablegern von einem Volk aus Weiher (neben einer Haustür) wurden nach natürlicher Nesterteilung inzwischen acht oder mehr Völker“, stellt Winkler hier den „größten sichtbaren Erfolg“ fest. Das Geheimnis: „Dort sind Fichte und Weißtanne in der Nähe.“ Wobei die dortigen Lauspopulationen nur den notwenigen Kohlenhydrate für die Tiere liefern. Das Eiweiß holen sie sich durch ihre räuberische Tätigkeit und in der Funktion als „Waldpolizei“.

Drei bis fünf Millionen Arbeiterinnen kann ein großes Nest haben, dazu 1000 bis 1500 Königinnen. Wird der Druck innerhalb zu groß, „wandert ein Teil davon ab“, erläutert Winkler. So entstünden die natürlichen Ableger. Mit dieser Entwicklung rechnet er auch demnächst beim erstgenannten Ameisenhaufen im Weiherer Wald.

„Ich habe mich schon immer für Insekten interessiert“, verdeutlicht der heute 66-Jährige seine Motivation, neben seiner Ausbildung zum Förster auch einen ersten Lehrgang zum Thema Ameisen in Würzburg bei Prof. Karl Gößwald zu besuchen, der dort die Ameisenschutzwarte ins Leben gerufen hatte. Die Insektensammlung im eigenen Haus nimmt er auch gerne mit zum Ferienspaß nach Birkenau, um den Kindern zu zeigen, was so alles in der Natur kreucht und fleucht – nicht nur in Europa.

Daneben ist der ehemalige Förster auch ein begeisterter Imker, der über sein Hobby Vorträge im Odenwald hält. Mit dem Forstzoologen Gustav Wellenstein von der Uni Freiburg habe er bis zu dessen Tod in engem Kontakt gestanden, erzählt Winkler. Später habe er Lehrgänge bei Dieter Bretz besucht, auch heute noch „einer der profiliertesten Ameisenschützer in Hessen“.

Info: Ferienspaß des Odenwaldklubs in Birkenau mit Siegfried Winkler, Thema: „Abenteuerspielplatz Wald“, Treffpunkt Donnerstag, 13. August, um 14 Uhr am Pausenhof der Langenbergschule. Waldwanderung mit anschließender Verköstigung am Grillplatz. Kinder von sechs bis zwölf Jahren sind willkommen, Eltern dürfen „mitwandern“.

 

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