Multitalent und Bluesröhre Marion La Marché zieht beim Trommer Sommer alle Register ihres musikalischen und komödiantischen Könnens

Zum Schluss, als letzte Zugabe, haut sie dann noch einen Song raus, auf den einige schon sehnsüchtig gewartet haben: „Mercedes Benz“ von Janis Joplin. Marion La Marché zeigt bei dem 45 Jahre alten Stück aufs Beste, warum sie seit mehr als 20 Jahren in der regionalen Musikszene einen bekannten Namen hat. Die Blues- und Rockröhre zelebriert förmlich das Paradelied der kurz nach der Aufnahme verstorbenen Ausnahmesängerin. Und reißt die Zuschauer bei der Abschlussveranstaltung des Trommer Sommers noch einmal von den Sitzen.

Schon in den zwei Stunden zuvor hatte die Sängerin in ihrem ersten Soloprogramm bewiesen, dass in ihr viel mehr steckt als nur Musik. Sie unterhält die Gäste mit launigen, anzüglichen, witzigen und persönlichen Geschichten und Geschichtchen aus Privat- und Musikerinnenleben, albert sich über die Bühne, wird mit ruhigen Stücken mal ganz besinnlich, um dann gleich wieder als Energiebündel einen Knaller nach dem anderen in den Trommer Himmel abzufeuern.

Wobei sich schnell die Frage stellt, warum sie sich nicht schon viel früher solo versucht hat und nicht längst „Dick im Gschäft“ ist, wie der Titel des Abends lautet. Marion La Marché gibt musikalisch selbst die Antwort darauf: Sie ist nicht die angepasste, stromlinienförmige Musikerin, die alles in den großen, verzehrenden Schatten der Karriere stellt. Sie ist authentisch, reißt gerne und zu oft den Mund auf, wenn ihr was nicht passt, lässt sich nicht verbiegen – und eckt an.

Für ein Soloprogramm sind diese Charaktereigenschaften aber optimal. Als Kind der Region mit einer „Woinemer“ Großmutter, die eigentlich aus Mannheim kam, und einem Schulbesuch im Birkenauer Tal ist sie, heute in Wiesloch wohnhaft, mit beiden Welten vertraut: den Odenwälder und Kurpfälzer. Und deshalb ist ihr Mutterwitz eigentlich ein Großmutterwitz, den sie wiederum mit der Muttermilch aufgesogen hat. Und der ihr – sprachlich schön vertraut – so sprudelnd über die Lippen kommt wie sie auch ihr Programm präsentiert.

Aber was wäre eine Künstlerin ohne ihr Publikum: Das bietet ihr bei der letzten Veranstaltung des Trommer Sommers die optimale Bühne für ein Heimspiel, das schöner nicht sein kann. Im Theaterhof senkt sich die Sonne ganz allmählich hinter den Hügel, gehen die Lichter über die Bühne an, tauchen alles in schöne Farben, die dann Marion La Marché wiederum zum Ausschmücken ihrer Storys benutzen kann. Das tut sie in bester Stand-up-Comedy-Manier.

Gemütlich zurücklehnen und zuhören ist bei ihr nicht. Ziemlich zu Beginn kommen die Besucher in den Besuch einer Gesangsstunde – denn als Musikerlehrerin arbeitet sie auch. Und auch im weiteren Verlauf des Abends nimmt sie Zwischenrufe, laute Lacher, den Hund in der ersten Reihe oder auch ein oberhalb auf der Wiese vorbeilaufendes Pferd ohne Zögern auf und arbeitet sie direkt ins Programm ein.

Zum Schreien komisch ist schon ihre anfängliche Vorstellung. Obwohl im Odenwald groß geworden, trägt sie den Namen „La Marché“. „Des is doch net doin rischdiger“, habe sie oft zu hören bekommen. Stimmt. Denn der lautet eigentlich „Lammarsch“. Kurze Stille bei den Gästen, bis sich erste zaghafte, dann lautere Lacher einstellen und die Frau auf der Bühne meint: „Jetzt ist es angekommen“.

Schuld daran war ein Hugenottenvorfahr, der, in Frankreich verfolgt, in den Odenwald kam und zwecks besserer Arbeitsaussichten den Namen eindeutschte. Nicht zur Freude der entfernten Nachfahrin: „Wer mit dem Namen und einem gepflegten Übergewicht durch die Schulzeit kommt, den kann nichts mehr schocken“, meint sie unter dem Gelächter der Gäste. Zum Glück habe ihr Vater irgendwann Ahnenforschung betrieben, sei aufs Original gestoßen und seitdem trage sie wieder die französische Variante.

Gewicht und noch mehr Alter sind Themen, mit denen sie gerne kokettiert. Vor inzwischen 26 Jahren habe sie mit dem Singen angefangen, meint Marion La Marché. „Da war ich gerade drei Jahre alt“, flunkert sie überzeugend. Die 17 Jahre Erfahrung als Musiklehrerin bringt sie wiederum ein, wenn – getrennt nach Männlein und Weiblein – die verschiedenen Oktaven mit Na, ne, nu, ni und no durchdekliniert werden.

Die Verlogenheit und Heuchelei im Business sind ihr sogar ein Lied und viele Worte wert: „Seit ich mich erinnern kann, fängt bei mir die Musik im Herzen an“, beschreibt sie ihr praktiziertes Gegenmodell. Das Gefasel von Veranstaltern, Catering – oder Nicht-Catering -, Hochzeitgesellschaften und andere Erlebnisse in ihrer langen Karriere sind immer eine Erzählung wert. Und durch La Marchés quirlige, überschäumende, manchmal sich selbst überholende Art des Schilderns gewinnen die Geschichten einen Drive, der die Zuschauer vor Lachen atemlos nach Luft japsend in der Nacht zurücklässt.

Besonders ihre Oma mit den ganz besonderen, nicht jugendfreien Weisheiten über Kartoffelsalat und das ebenfalls nur zu späterer Stunde spielbare Stück über den Spargel machen noch einmal das bisher viel zu wenig genutzte kabarettistische Talent von Marion La Marché deutlich. Mit dem immer wieder eingestreuten „Uffbasse“ klingt sie nicht nur hier wie Bülent Ceylan, denn „die Hoor“ werden zwischenzeitlich auch mal als Gag eingestreut…

„Du bist eine ganz große für mich“, verabschiedet sich Jürgen Flügge am Ende von dem Multitalent. „Ganz früh“ habe sie bereits am Trommer Sommer mitgewirkt „und war immer da, wenn jemand gebraucht wurde“. Der erste Programmpunkt beim kommenden, 21. Trommer Sommer, versprach er lachend, werde die von Marion La Marché in allen Einzelheiten urkomisch beschriebene Dildo-Party sein – wir sind gespannt….

Flügges besonderer Wunsch zum Schluss wurde als letzte Zugabe gerne erfüllt: „ein Lied über Janis Joplin“. Das röhrte Marion La Marché denn auch in den Trommer Nachthimmel, dass sie eigentlich ebenso ohne Mikro nicht nur den Hof, sondern auch die darüber liegende Wiese damit hätte beglücken können. Wie zuvor schon mit Stücke von Metallica, Midge Ure oder Supertramp, die sie für ihre Zwecke umgeschrieben hat und denen sie mit ihrer wandlungsfähigen Stimme über mehrere Oktaven von leise bis laut einen eigenen Stempel aufdrückte.

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