Musikalisch geht’s auf die Grüne Insel: Pat O’Connor gestaltet mit den „Irish Voices“ ein Benefizkonzert

Wenn Pat O’Connor zur Fiddle oder Tin Whistle greift, ändert sich schlagartig die Umgebung. Aus der grünen Odenwald-Landschaft „beamt“ es die Zuschauer von einer Sekunde auf die andere in die windumtosten, leicht welligen, ebenso grünen Hügel von Irlands Westen, wo sich der Tau des häufigen Regens in der Sonne spiegelt und hinter jeder Straßenecke eine Schafherde friedlich grast. Die Irin transportiert ihre Heimat musikalisch als Gast beim Konzert der „Irish Voices“ 1:1 in den Saal des Landgasthofs „Zur Mühle“ in Weiher.

Pat O’Connor lebt ihre Musik. Sie ist voll „drin“ in den einzelnen Reels, Jigs und Hornpipes, wie die verschiedenen Tunes (Musikstücke) genannt werden. Und steht sie mal nicht selbst vorn am Mikro, singt, spielt Gitarre, Fiddle oder Tin Whistle, dann begleitet sie die Songs der „Irish Voices“ von der Bank aus – eine Vollblutmusikerin, die sich für ihre Berufung aufopfert und in den Dienst der Mitmenschen stellt.

Denn Pat ist Musiklehrerin in Dublin und kümmert sich nebenbei um Kinder sozial schwächerer Eltern, holt sie von der Straße zu einer Art „musikalischen Früherziehung“. Sie opfert ihre karge Freizeit, um benachteiligte Kinder kostenlos zu unterrichten. Die Irin tourt „nebenher“ jedes Wochenende durch die vielen Pubs, ist in den Landesteilen bekannt als Session-Teilnehmerin und hat über 100 Stücke (instrumentale Reels und Jigs) komponiert.

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Dem guten Zweck diente auch das Konzert in Weiher. Unter den Gästen ging der „Hut“ rum, das Sammelergebnis geht an Pat O‘Connors Musikschule. Dass es am Freitag zum Konzert in der „Mühle“ kam, ist einen glücklichen Zufall zu verdanken.  Siggi Winkler von den „Voices“ haben in Dublin schon mit ihr zusammen musiziert und waren dort auf Hauskonzerten zu Gast. Denn am Samstag fuhr der eingeschworene Haufen gemeinsam zu einer irischen Musikschule, wo eine Woche lang bei verschiedenen Workshops mitgewirkt wurde.

Die Musik von der Grünen Insel will eigentlich immer eine Geschichte erzählen. Oft geht es um die bittere Armut in vergangenen Jahrhunderten, aber auch die Schlachten mit den Engländern, die Auswanderung über den Großen Teich, weil es zuhause nichts zu essen gab, oder die verlorene Liebe mit viel Herzschmerz.

Am besten kann Letztere natürlich von einer waschechten Irin rübergebracht werden. Wenn sich Pat O’Connor ans Mikro stellt und einfach so ohne jegliche instrumentale Begleitung loslegt, dann geht das unter die Haut. Ihrer eindringlichen, etwas rauchigen Stimme nehmen die Gäste die Trauer, den Verlustschmerz und die Verzweiflung, die sich in den Tunes wiederspiegeln, sofort ab. Traditionelle irische Töne, erdig, bodenständig, sind ihr „Ding“. Sie bringt Emotionen in ihre Darbietungen, oft sehr temperamentvolle Stimmungen.

Aber bei aller Nachdenklichkeit wären die Iren keine Iren, wenn sie nicht überall auch das Gute sehen würden. So gerät nach der herzergreifenden Ballade gleich das nächste Stück zum wilden Tanz, bei dem der Bogen über die Geigen-Seite fliegt oder sich die Finger auf der Tin Whistle fast verknoten. Besonders eindrucksvoll kommt das bei den Songs zum Ausdruck, die jeweils zum Ende des ersten und zweiten Sets von allen gemeinsam gespielt werden.

Die traditionelle Weise „Whiskey in the Jar“, in der Version von „Thin Lizzy“ zu Weltruhm gelangt, darf dabei ebenso wenig fehlen wie der „Drunken Sailor“ mit seinen zahlreichen Strophen, wie denn jetzt mit dem armen betrunkenen Seemann verfahren werden soll. Aber ebenso „Washerwoman“ hat einen richtig schönen Drive, der – wie bei anderen Songs auch – die Gäste im voll besetzten Heubodenzimmer ein um andere Mal zum Mitklatschen animiert.

 

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Mit Johnny Dohan, einem bekannten irischen Singer-Songwriter, oder dem Stück „Galway Girl“ aus dem Film „P.S. Ich liebe dich“ hat die Truppe auch aktuelle Stücke im Gepäck. Die Erinnerung an die Schlacht um Culloden 1746 (Skye Boat Song) oder die Auswanderer-Ballade „Kilkelly Ireland“ wird so mit Bezügen zur Jetzt-Zeit aufgepeppt.

Für einen besonderen Farb- bzw. Stimmtupfer sorgt Sänger Davin Linton, ein in Scharbach lebender Ire. Seine Solo-Interpretation des Stücks „Fiddlers Green“ mit voller, sonorer Stimme wäre auch ohne Mikrofon im letzten Winkel des Saals angekommen. Rauschender Beifall ist ihm gewiss. Wie auch den Musikern nach dem letzten Set in voller Besetzung. Die Gäste lassen sie nicht ohne Zugabe ziehen. Und die, wie kann es anders sein, bietet natürlich der „Special Guest“ des Abends, Pat O’Connor, auf der Tin Whistle.

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Mit dem „Lilting“ präsentiert Pat O’Connor eine irische Besonderheit im Odenwald, die sonst kaum außerhalb der Pubs zu hören ist. Melodische Zungenbrecher, nur mit der Stimme vorgetragen, haben einen ernsten geschichtlichen Hintergrund. Im 16. Jahrhundert verboten die englischen Besatzer den Iren die Benutzung ihrer Instrumente. Sie wollten damit die Traditionen brechen. Doch die Iren hielten ihre Tunes am Leben, indem sie die instrumentalen Stücke mit besonderen Lauten vertonten.

Später hielt sich diese Musikform auf dem Land, wo die Leute nicht das Geld besaßen, sich Instrumente zu kaufen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde Lilting oft auf Hauspartys oder an Wegekreuzungen am Sonntag nach der Kirche dargeboten. Im 18. Jahrhundert verbot der englische König Edward den Iren ihre gälische Sprache. Das war dann der Grund für eine Wiederauferstehung des Lilting. Die Iren versahen nun auch ihre Lieder zum Teil mit diesen seltsamen Lauten.

Heutzutage, meint Siegfried Winkler schmunzelnd, werde „Lilting pur nur noch zum Spaß verwendet, oft zu fortgeschrittener Stunde und nach viel Guinness“. Das brauchten die Gäste in der Mühle aber gar nicht, als sie sich von Pat O’Connor eine Einführung mit anschließendem Experiment an der eigenen Stimme geben ließen. Schnell stimmte der ganze Saal in die Zungenbrecher ein – am ehesten vergleichbar, wie wenn ein deutscher Musiker einer Gruppe Iren „Fischer Fritz fischt frische Fische“ beibringen möchte…

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