Runder Tisch: Eine Koordinatorin für Flüchtlingsbelange in Wald-Michelbach ist gefunden

Mit dem Satz „Ich würde es gerne machen – aber nicht allein“ durchschlug Gabi Michel-Mieslinger zum Schluss den gordischen Knoten. Denn während der vorherigen zwei Stunden des „Runden Tischs“ zum Thema Flüchtlinge hatte sich immer mehr herauskristallisiert, dass eine Koordinationsstelle für die Gemeinde benötigt wird, bei der alle Fäden zusammenlaufen und die gleichzeitig Ansprechpartner(in) sowohl für die ehrenamtlich Helfenden als auch für die Flüchtlinge ist.

Unterstützung erhält Michel-Mieslinger zumindest in der Anfangszeit von der AWo-Vorsitzenden Christine Engesser, die sich bereits jetzt stark in der Flüchtlingsbetreuung engagiert. Engesser machte aber deutlich, dass sie „völlig ausgelastet“ sei und sich mit der AWo auf die bereits angebotenen Deutschkurse und bisher angebotene Hilfe fokussieren wollte.

Nicht nur einmal wurde in Richtung Gemeindeverwaltung angeregt, dass „ein Hauptamtlicher eine tragende Rolle spielen soll“, wie es unter anderem Christiane Hennrich formulierte. Bürgermeister Joachim Kunkel entgegnete, dass die Verwaltung dies personell und finanziell nicht leisten könne. Man unterstütze, wo man nur könne – unter anderem durch die Organisation des Runden Tischs sowie dessen Nachbereitung in Form von Adresskoordination und Versicherung der Ehrenamtlichen.

Der Bürgermeister hatte schon zu Beginn seinem Unmut darüber Luft gemacht, dass die kommunale Ebene bei der Flüchtlingsfrage von Land und Bund im Regen stehen gelassen werde. Viel zu wenige Gelder kämen von oben zur Betreuung auf der untersten Ebene an. „Es ist nicht in Ordnung, dass die Kommunen auf den Kosten sitzenbleiben.“ 55 Flüchtlinge seien derzeit in Wald-Michelbach untergebracht. „In einem Jahr rechne ich mit der doppelten Zahl“, so Kunkel.

Auf die zahlreichen Hürden wies auch die Moderatorin des Abends, Sabine Allmenröder vom evangelischen Dekanat Bergstraße, nicht nur einmal hin. „Unheimlich viele Wege sind verstellt“, meinte sie. Zum einen beim Thema Arbeitssuche, zum anderen auch bei Sprachkursen. Das sei für Helfer und Flüchtlinge „eine ganz frustrierende Situation“. Denn die jungen Menschen, die auf abenteuerlichen Wegen nach Deutschland gekommen seien, „wollen sich ein neues Leben aufbauen“ und seien „extrem motiviert“. Die Aufgaben seien viel größer als die Ressourcen, sagte sie. Deshalb sei es wichtig, vernetzt zusammenzuarbeiten.

Das machte auch der 25-jährige Sahad aus Somalia deutlich. „Ich will Deutsch lernen“, brachte er seine Bereitschaft zum Ausdruck, sich möglichst schnell zu integrieren. Zum einen sei aber der Weg zu den Sprachkursen nach Bensheim und Heppenheim sehr weit, zum anderen – und dies als vorrangiger Grund – gebe es gar nicht genug Kurse. Und wenn, dann für jüngere Flüchtlinge.

Dem konnte die Ausländerbeauftragte des Kreises Bergstraße, Brigitte Paddenberg, nur zustimmen. Zwar sei man bei den schulpflichtigen Kindern bis 16 Jahre „gut aufgestellt“, sagte sie. Bei der Altersgruppe darüber „reichen die Angebote des Kreises nicht aus“. Hier sei man auf die Hilfe vor Ort angewiesen. Ohne die Helfergruppen wäre laut Paddenberg „Land unter“. Die Ehrenamtlichen hätten gerade durch die angebotenen Deutschkurse „eine gute Basis geschaffen“.

Christopher Göttle vom Team Flüchtlinge beim Kreis Bergstraße ergänzte, dass nach den Sommerferien über die Volkshochschule weitere Deutschkurse angeboten werden sollen. Allerdings reichten diese bisher nur bis Mörlenbach, „in Wald-Michelbach passiert nichts“. Wie auch Kunkel argumentierte er: „Es geht ums Geld, Kreis und Kommunen werden allein gelassen.“ Der Bürgermeister will sich nun dafür einsetzen, über die VHS einen Deutschkurs auch nach Wald-Michelbach zu holen.

Dass es an den Räumen dafür nicht scheitern soll, machte unter anderem der Rektor der Eugen-Bachmann-Schule, Thomas Wilcke, deutlich. „Bei Raumfragen sind wir jederzeit kooperationsbereit“, sagte er. Es gebe lediglich keine personellen Ressourcen. Seitens der Verwaltung sagte Kunkel zu, alle jeweiligen Ansprechpartner zusammenzustellen und dann in die eine oder andere Richtung zu verteilen: zum einen für die Ehrenamtlichen mit den Behörden und Hilfsorganisationen, zum anderen für die Hauptamtlichen mit Blick auf die Angebote und Hilfen vor Ort.

Sarah Dickmeis vom Jugendmigrationsdienst Bergstraße-Odenwald sicherte den Ehrenamtlichen und auch der neuen Koordinatorin Gabi Michel-Mieslinger jegliche Hilfe der hauptamtlich Tätigen zu. „Wir brauchen Sie, weil wir selbst nicht mehr klarkommen“, machte sie die angespannte personelle Situation deutlich. Es sei wichtig, jemanden vor Ort an der Hand zu haben. „Wir stehen jederzeit zur Verfügung und schicken niemanden weg. Sie stehen nicht allein.“

Zumindest bei einem leidigen Thema, das bei den Helfern immer wieder zu frustrierenden Erlebnissen führt und auch angesprochen wurde, deutet sich auf Bundesebene Entspannung an: Gerade gestern beschloss das Bundeskabinett, dass sich junge Asylsuchende nun auf berufsorientierende sowie ausbildungs- oder studienbegleitende Praktika bewerben können. Die Arbeitserlaubnis könne leichter erteilt werden, weil die Bundesagentur für Arbeit nicht mehr wie bisher erst zustimmen müsse.

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