Flüchtlinge im Überwald: „Ich habe viele Freunde gefunden, hier ist meine Heimat“

„Ich habe viele Freunde und Bekannte in Wald-Michelbach gefunden, hier ist meine Heimat“, macht Kayd deutlich, dass er „angekommen“ ist. Der 20-Jährige lebt als Flüchtling bereits seit eineinhalb Jahren im Überwald. „Ich spiele bei der SG Wald-Michelbach Fußball und gehe regelmäßig in den Jugendtreff“, erklärt er seine Eingebundenheit ins örtliche Leben. Wir trafen ihn und fünf weitere von der AWo Wald-Michelbach betreute Flüchtlinge, um etwas über ihre Herkunft, die Hintergründe ihrer Flucht, aber auch die Ankunft und das Leben in Deutschland zu erfahren.

Über traumatische Erlebnisse in seinem Heimatland Somalia berichtet Sahad. Er geriet dort nur wegen seines Berufs in die Fänge der islamistischen Al-Shabaab-Miliz. Sahad ist gelernter Schneider und wollte in einer Auftragsarbeit die somalische Landesflagge in ein Kleid einnähen. „Deshalb hatte mich die Miliz sofort in Verdacht, regierungsnah zu sein“, erzählt er. Prompt landete er für einen Monat im Gefängnis. Entlassen wurde er nur mit der Auflage, in Zukunft für Al-Shabaab zu spionieren.

Doch da spielte seine Mutter nicht mit. Der Hintergrund: „Mein Vater wurde zwei Monate vorher von der Al-Shabaab in Mogadischu erschossen.“ Aus Angst um ihren Sohn übergab sie das einzige Stückchen Land in ihrem Besitz einem Schlepper, der Sahad außer Landes schaffte. Über Italien kam er Anfang 2014 nach Deutschland und dann im März des Jahres nach Aschbach.

„Ich kann mich frei bewegen“, freut sich Sahad darüber, dass nicht hinter jeder Ecke eine Gefahr lauert, er der Willkürherrschaft der Terror-Miliz entronnen ist und keine Angst haben muss, jederzeit Opfer eines Anschlags werden zu können. „Mir gefällt es hier gut“, meinte er. „Ich habe Freunde, einen Verein und eine Wohnung gefunden“.

Kayd wiederum war Anfang 2014 „der erste, der hierher kam“, ist er darauf schon ein bisschen stolz. Auch er hat laut eigener Aussage Gewalt erlebt: Sein Vater sei in Somalia ein Clanchef gewesen. Die Vorwürfe von Al-Shabaab waren ähnliche wie bei Sahad: Er würde der Regierung nahestehen. „Eines Nachts sind vermummte Männer mit Waffen in unser Haus eingedrungen und haben mich, meinen Vater und meinen Onkel verschleppt.“ Mit Folter versuchte man sowohl Sohn als auch Vater gefügig zu machen, so der 20-Jährige.

Zusammen mit seinem Onkel konnte er fliehen, vom Vater fehle bis heute jede Spur. „Nur noch meine Großmutter lebt jetzt noch dort“, erzählt Kayd, seine Mutter sei schon früher gestorben. Der Onkel war es dann, der sagte: „Renn weg“. 15 Monate dauerte die gefahrvolle Reise über Kenia, Uganda, Türkei, Griechenland, Bosnien, Montenegro, Serbien, Ungarn und Österreich, bis er Ende 2013 in Deutschland ankam. „Ich hatte Angst, in Somalia zu sterben“, erklärt er fast schon lapidar die Gründe seiner Flucht. Das kann auch sein Landsmann Abdifatah bestätigen.

Seiner Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass er derzeit die Metzendorf-Schule in Bensheim besuchen darf: Eigentlich sei er schon zu alt dafür. „Aber ich bin zum Schulleiter gegangen und habe ihn gebeten, aufgenommen zu werden.“ Mit einem ganz einfachen Argument: „Ich will Deutsch lernen, denn das ist meine Zukunft.“ Die unkonventionelle Vorgehensweise hatte Erfolg: Kayd erhielt einen Platz.

Omer aus Eritrea berichtet von der gefahrvollen Flucht mit dem Schiff übers Mittelmeer von Libyen nach Italien. Der Eritreer ist „sehr dankbar für die Hilfe, die ich hier erfahre“. In seinem Heimatland wollte man ihn zum Militär einziehen, sagt er. Doch er habe Angst vor dem repressiven Dienst gehabt, bei dem junge Leute oftmals zehn Jahre oder mehr zwangsverpflichtet würden. Es blieb nur die Flucht. Über ein Jahr währte seine Reise über den Sudan, Libyen, Italien und Frankreich.

Am Beispiel von William, der aus Eritrea einen ähnlich gefahrvollen Weg wie Omer bewältigte, macht AWo-Vorsitzende Christine Engesser die Bürokratie-Hürden deutlich, bevor ein Flüchtling in Lohn und Brot stehen darf. Das Wort Brot ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu verstehen, denn William hätte in einer Bäckerei anfangen können. Doch aufgrund der arbeitsrechtlichen Vorschriften, so Engesser, müsse erst aufwändig geklärt werden, ob es keinen deutschen oder EU-Bewerber für diesen Job gebe. Was in der Regel nicht der Fall sei.

Wenn William 15 Monate im Land sei, gestaltet sich laut Engesser die Arbeitssuche einfacher. Dann werde die AWo nochmal einen Antrag bei der Arbeitsagentur stellen. „Der Bäcker hätte ihn sofort genommen“, berichtet Engesser. „Eventuell wäre sogar ein Ausbildungsplatz in Aussicht gewesen.“

Mohamed aus Eritrea brauchte zwei Anläufe, um nach Deutschland zu kommen. Der erste „hängt“ ihm finanziell noch nach, wie Engesser eine andere Ungereimtheit des Systems aufführte. Denn er sei bei München im Zug von der Bundespolizei aufgegriffen worden, habe aber nicht sofort Asyl beantragt und sei daraufhin wieder nach Österreich abgeschoben worden.

Im zweiten Versuch schaffte er es nach Deutschland und beantragte Asyl, soll aber nun Engesser die Kosten für die erste Abschiebung tragen und außerdem die Strafe für eine „illegale Anreise“ tragen. „Wie soll denn jemand in Deutschland Asyl beantragen, ohne illegal einzureisen“, sieht Engesser hier einen Widerspruch.

Gerade Syrer und Eritreer hätten aufgrund der Lage in ihrem Heimatland eine sehr hohe Schutz- und Anerkennungsquote als Flüchtling. Was bedeute, dass ihre Abschiebung eigentlich einen Widerspruch in sich bedeute. 200 Euro Gebühren „sind viel Geld für einen Flüchtling, der nur 300 Euro im Monat bekommt“, macht sie die Schwachstelle des Systems deutlich.

Info: Ein „Runder Tisch“ zum Thema Flüchtlingshilfe findet am Mittwoch, 29. Juli, um 19 Uhr im katholischen Gemeindehaus Wald-Michelbach statt. Eingeladen sind alle Organisationen, die sich zu diesem Thema einbringen (möchten).

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