Betreuer vor Ort kümmern sich um die Angehörigen: Hammelbacher DRK-Helfer nehmen an Pilotprojekt teil

Die unfreiwillige Generalprobe „hat richtig gut geklappt“, freut sich der stellvertretende DRK-Bereitschaftsleiter Michael Fischer über den ersten gelungenen Einsatz der Betreuer vor Ort (BvO) im Rahmen der Suche nach einer 63-jährigen Vermissten aus Grasellenbach. Bei den BvO handelt es sich um ein Pilotprojekt, an dem im Kreis Bergstraße nur noch die DRK-Ortsvereinigungen Birkenau und Gorxheimertal teilnehmen.

„Die BvO schließen die Lücke zwischen Rettungsdienst, Polizei und Feuerwehr“, verdeutlicht Fischer. Am ehesten lasse sich die Tätigkeit der ehrenamtlichen DRK-Helfer noch mit der von hauptamtlichen Notfallseelsorgern vergleichen. Als Einsatzszenario nennt Fischer einen Verkehrsunfall, bei der der Fahrer, ein Familienvater, verletzt werde.

Feuerwehr und Polizei kümmerten sich um Unfallaufnahme und Bergung, der Rettungsdienst bringe den Verletzten ins Krankenhaus. „Aber keiner ist letztendlich für die Angehörigen zuständig“, Mutter und Kinder, die ebenfalls im Fahrzeug saßen und unverletzt blieben.

Genau hier würden die Betreuer vor Ort tätig. „Sie fahren mit den Angehörigen ins Krankenhaus“, beruhigten sie, sprächen ihnen Mut zu, sorgten eventuell für Übernachtungsmöglichkeiten. Und rufen Fischer zufolge andere Familienmitglieder hinzu, die dann ebenfalls Beistand leisteten. Im kürzlichen Fall der Vermissten aus Grasellenbach hätten sich zwei Hammelbacher BvO um den Ehemann gekümmert, mit ihm unterhalten, und zu erfahren versucht, wo seine Frau sein könne. „Wir konnten ihn beruhigen, ablenken, runterfahren“, wertet Fischer es als „absolut top“, wie der Einsatz klappte.

Das Pilotprojekt BvO läuft laut Fischer im Kreis Bergstraße seit Januar. In drei Lehrgängen würden die Ehrenamtlichen auf ihre Tätigkeit vorbereitet. Grundvoraussetzung sei ein Erste-Hilfe-Lehrgang, erläutert der stellvertretende Bereitschaftsleiter. Was für die Hammelbacher kein Problem darstelle. „Denn wir haben sowieso alle eine Ausbildung als Sanitätshelfer“ – der höchste Ausbildungsgrad, der im Ehrenamt erreichbar sei.

Weiterhin ist Fischer zufolge der 25-stündige Grundlehrgang Betreuungsdienst notwendig, außerdem der ebenfalls 25-stündige PSNV-Lehrgang (psychisch-soziale Notfallversorgung). „Wie gehe ich mit den Leuten um, wie gehe ich selbst mit dem Gehörten und Gesehenen um“, stehe bei diesem im Mittelpunkt.

Erfahrene Psychologen vermitteln laut Fischer bestimmte Verhaltensweisen, um den Angehörigen Sicherheit zu geben. Dazu gehöre, „jemandem im wörtlichen Sinn die Hand zur Hilfe zu reichen“, Augenkontakt herzustellen, aber auch die eigene Mimik und Bewegung der Situation anzupassen. Für die Helfer gehe es auch darum „selbstsicher aufzutreten und die eigenen Ängste zu überspielen“.

Sollte es bei Unfällen oder anderen Einsätzen aber Tote geben, kommen Fischer zufolge die Notfallseelsorger zum Einsatz. „Dafür haben wir Ehrenamtlichen keine Ausbildung“, verdeutlicht er. „Das geht zu sehr an die Psyche.“ Die hauptberuflichen Seelsorger hätten in der Regel mindestens eine Ausbildung als Psychologe und könnten mit solchen Situationen besser umgehen.

Das Hammelbacher DRK ist im Verhältnis zur Bereitschaftsstärke sehr stark unter den BvO vertreten. „Bei einem Lehrgang stellten wir die Hälfte der Teilnehmer“, ist Fischer stolz auf das Engagement der hiesigen Ehrenamtlichen. An dem Projekt gefällt ihm, „dass quasi jeder mitmachen, wenn er die entsprechenden Lehrgänge abgelegt hat“. Ein Führerschein oder eine bestimmte Kleidung wie bei den First Respondern sei keine Voraussetzung. „Auf unkomplizierte Weise ist somit schnelle Hilfe möglich.“

900 Euro hat die DRK-Ortsvereinigung in die Erstausstattung ihrer zehn BvO investiert. Zwar erhalte man einen Grundbestand vom Kreis, aber der reiche aufgrund der vielen Helfer nicht aus. Blaue einheitliche Westen mit Aufdruck sowie Rucksäcke wurden deshalb auf eigene Kosten angeschafft. In diesen finden sich Erste-Hilfe-Pakete, aber auch ein Knuddeltier für Kinder, etwas Malzeug und ein wenig zum Knabbern.

Gerade im ländlichen Raum sieht Michael Fischer die Betreuer vor Ort als sinnvolle Ergänzung an. In der Stadt „ist alles kein Problem, Ärzte und Krankenhäuser sind in direkter Nähe“. Auf dem Land dagegen sei alles viel dünner gesät – „und diese Lücke wollen wir schließen“. Die Helfer profitierten dabei von der großen Verbundenheit in den Ortschaften.

„Man kennt einander“, so Fischer, schnelle Hilfe lasse sich damit rasch organisieren. Dazu trage auch die sehr gute Zusammenarbeit mit den andren Hilfsorganisationen vor Ort bei. „Wir sind eben füreinander da“, bringt er es auf den Punkt. Das DRK sehe sich hier nach wie vor den Idealen seines Gründers Henri Dunant verpflichtet.

Advertisements