Für die Wald-Michelbacher Funkamateure geht’s einmal um die ganze Welt

 

Vom Überwald einmal die Erde umrunden, ohne auch nur den Raum zu verlassen? Für die Mitglieder des Deutschen Amateur-Radio-Clubs (DARC) aus Wald-Michelbach ist das nichts Besonderes. Morgens Australien, mittags Russland und abends die Karibik: Statt in 80 Tagen geht es in acht Stunden um die Welt, wenn die äußeren Bedingungen stimmen.

Holger Wendt ist Vorsitzender des Ortsverbandes Überwald in Wald-Michelbach im DARC, der heute deutschlandweit etwa 40.000 Mitglieder hat. Beim monatlichen Treffen des Ortsverbands, immer am ersten Freitag im HEAG-Turm, werden Erfahrungen ausgetauscht, technische Beiträge präsentiert, die clubeigene Funkstation DL0AJ aktiviert und QSL-Karten bestaunt. Eine bestimmte Anzahl von Karten ermöglicht den Erwerb von Diplomen.

Seit über 40 Jahren ist Wendt Funkamateur und unter seinem Rufzeichen DL7SP weltweit zu hören. Zahllose Amateurfunkdiplome und Karten schmücken die Wände seines etwa drei Quadratmeter großen, „Funkshacks“, genannten Raums im eigenen Haus.

„Möchte ich jetzt nach Japan funken, drehe ich die auf dem Dach befindliche Antenne auf 30 Grad“ erklärt Wendt. Das alles passiere mit Hilfe eines einzigen Knopfdruckes auf seinem im Shack befindlichen Steuergeräts. „Wir haben heute 22 Grad Celsius. Der Himmel ist bedeckt“, teilt ihm nach erfolgreicher Verbindung Funkamateur Eiki aus dem japanischen Sapporo dem fast 9000 Kilometer entfernten Funkfreund in Wald-Michelbach mit. Und weiter berichtet er: „Ausgezeichnete Bedingungen, Holger. Ich sende mit 100 Watt und verwende eine Groundplane-Antenne.“

36 Mitglieder zählt derzeit der seit 1976 bestehende Überwälder DARC-Ortsverein. Zwischen zehn und 15 davon treffen sich regelmäßig zum Austausch, zum Fachsimpeln, um Vorträge oder Reiseberichte zu hören. Seit etlichen Jahren ist das Obergeschoss des Heag-Turms das Vereinsdomizil. Es wurde mit viel Eigenarbeit komplett saniert und für die Vereinszwecke hergerichtet.

Die QSL-Karten sind Bestätigungskarten über die getätigten Funkverbindungen und gelten als Nachweis für den Funkkontakt zu Personen und Ländern auf der ganzen Welt. Sie sind quasi die „Krönung“ der Funk-Bemühungen und dokumentieren den Kontakt in alle Ecken der Welt. So zu einem Dorf auf Failaka Island vor Kuweit, das von Alexander dem Großen errichtet worden war.

Oder, worauf man in Wald-Michelbach besonders stolz ist, nach Navassa Island, einer unbewohnten Insel im Karibischen Meer zwischen Haiti und Jamaika. „Seit 20 Jahren gab es dort keinen Funkverkehr mehr“, erläutert der zweite Vorsitzende Günter Wolf. Die Insel stehe auf der Liste der QSL-Karten als „Most wanted“ ganz oben.

15 Jahre brauchte laut Wendt eine Gruppe von Funkamateuren, um die Genehmigung für einen vierwöchigen Betrieb von der Insel aus zu erhalten. Und wiederum mit viel Glück und viel Zeitaufwand habe er dann dort einen Kontakt herstellen können. „Das kommt so schnell nicht wieder“, sagt Wendt. Aber auch von den Virgin Islands, aus Chile, Singapur oder Brasilien landeten bereits QSL-Karten im Überwald.

Wie läuft die Verständigung mit dem anderen Ende der Welt? „Standardsprache ist Englisch“, so Holger Wendt. Außerdem gebe es in der Telegrafie internationale Abkürzungen. „Den Fachwortschatz verstehen sowohl ein Russe als auch ein Chinese“, sagt er. Der Kontakt funktioniert über verschiedene Bänder. Je nach Ionisierung der Luftschichten und Tageszeit sei dann eine Verbindung auch nach Australien drin.

„Viele von uns haben ihr Hobby zum Beruf gemacht – und umgekehrt“, entgegnet Wendt auf die Frage, wie man Amateurfunker wird. So gibt es z.B. Funkoffiziere, die bei der Marine waren, ehemalige Flugkapitäne oder Lehrer: „Das geht durch alle Berufszweige“. Es sei „das Interesse an der Materie und an der Technik als solches“, das verbindend wirke.

Jürgen Wolf aus Ober-Schönmattenwag fand schon 1963 als Schüler den Weg zu den Funkamateuren, Holger Wendt macht seine A-Lizenz 1973. Diese Lizenz wiederum ist in Deutschland vorgeschrieben und wird von der Bundesnetzagentur vergeben. Das entsprechende Rufzeichen, bei Wendt ist DL7SP, gilt dann ein Leben lang. Viele Monate Vorbereitung gehen der Prüfung voraus.

Die Länderkennung im Rufzeichen, für Deutschland das DL, macht die Zuordnung einfach. „Wenn man die hört, weiß man gleich, woher der Gegenüber kommt“, so Wendt. VK stehe etwa für Australien, VK7 wiederum für Tasmanien. TS und 3V ist Tunesien, TY Benin oder TZ Mali.

Das nächste Treffen des Ortsvereins findet am Freitag, 3. Juli, um 20 Uhr im Heag-Termin, Wetzkeil 39, Wald-Michelbach, statt. Thema ist der Vortrag „Auf den Spuren von Shiva und Vishnu durch Südindien“. Vom 14. bis 16. August findet der sogenannte „Field-Day“ des Überwälder DARC auf einer Wiese bei Grasellenbach statt. Im 24-Stunden-Betrieb versuchen die Mitglieder, weltweite Kontakte aufzubauen, etwa nach Nordostsibirien, in die Karibik oder nach Australien. Weitere Infos: www.ov-f50.de

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Pioniere für heutige Kommunikationsmittel

Funkamateure gebe es seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts, erklärt Holger Wendt, der Vorsitzende des Überwälder DARC-Ortsverbands. Sie seien nur kaum als die technikinteressierten Pioniere bekannt, die die Grundlagen für viele der heute von jedem genutzten Kommunikationsmittel und -weg erdachten und weiterentwickelten, testeten und praktizierten. Die Interessen der Mitglieder reichten vom Morsen und Sprechfunk auf Kurzwelle über digitale Datenübertragung bis hin zu Fernsehübertragungen und Verbindungen mit der ISS in der Umlaufbahn um die Erde.

In vielen Notfällen und Katastrophen wie z.B. kürzlich beim Erdbeben in Nepal waren laut Wendt in den ersten Stunden oft nur Funkamateure in der Lage, die Kommunikation aufrecht zu erhalten, da öffentliche Einrichtungen ausfielen. „So gab es zum Austausch von wichtigen Informationen über mehrere Tage eine ständige Verbindung zwischen Funkamateuren in Nepal und Europa“, berichtet er.

Im Zeitalter des Internets stehe die Kommunikation per E-Mail, Chatten und Handy „leider immer mehr im Vordergrund“, bedauert der Vorsitzende. Daher werde es zunehmend schwerer, die Jugend für den Amateur- als Experimentierfunk zu begeistern. Denn für technikinteressierte Anwender biete der traditionelle Amateurfunk die Möglichkeit, sich auf die Anfänge zurück zu besinnen, selbst Geräte zu bauen oder mit Antennen zu experimentieren.

„Über sogenannte Echolink-Gateways können lizensierte Funkamateure per Handfunkgerät oder mit Hilfe eines iPhones unter Nutzung des Internets weltweite Verbindungen herstellen“, so Wendt. Der Amateurfunkdienst (ham radio oder amateur radio) sei ein Funkdienst, der dem internationalen Fernmeldevertrag unterliege. In den meisten Ländern wurden die internationalen Regelungen in nationale Amateurfunkgesetze umgesetzt und die Details in Amateurfunkverordnungen sowie zwischenstaatlichen Verträgen präzisiert.

Hauptvoraussetzung für das Kommunizieren mit Personen auf der ganzen Welt „ist die gesetzlich vorgeschriebene Prüfung“, erläutert der Vorsitzende. In Deutschland erfolge diese vor der Bundesnetzagentur. Geprüft würden die erforderlichen technischen Kenntnisse, Betriebstechniken und Vorschriften. Nach erfolgreicher Absolvierung dieser Prüfung werde die Amateurfunklizenz erteilt und man erhalte sein persönliches Rufzeichen, unter dem man Funkverkehr durchführen dürfe. Grundlagen der englischen Sprache und geografische Kenntnisse sind hilfreich, aber keine Voraussetzung, erklärt Wendt.

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