Geschenk ans Überwaldmuseum wurde als Rasierklingenschärfer aus der Weimarer Zeit identifiziert

Wozu Facebook doch gut sein kann: Dem Museums- und Kulturverein Überwald half das soziale Netzwerk jetzt bei der Bestimmung eines Geschenk ans Museum, das sich auf den ersten Blick nicht einordnen ließ. Ein nahe liegender Gedanke erwies sich als falsch: Weil es aus dem Nachlass einer Schuhmacherwerkstatt stammte, ging die Vermutung dahin, es könnte etwas mit diesem Handwerk zu tun. Ganz kalt: Das Ding wurde beim Rasieren verwendet.

Etwa so groß wie eine Streichholzschachtel ist die ominöse Metallschachtel. Sie lässt sich aufklappen, beim Verschließen greifen die Kunststoffteile ineinander und versenken sich, so die Beschreibung von Theo Reichert. „Wir dachten erst, es ist zum Lochen von Leder da.“ Die beiden vorstehenden Zapfen lassen sich seiner Beobachtung nach drehen und sind mit einer Mechanik verbunden, so dass sie immer parallel stehen und den gleichen Abstand haben.

Da das Teil aus einer Schuhmacherwerkstatt stammt, die zwischen 1920 und 1950 bestand, war die erste Überlegung, einen Fachmann zu fragen, der früher dieses Handwerk ausübte. „Ich war beim alten Schuhmachermeister Walter Bihn“, berichtete Karl-Theo Reichert. „Aber auch er konnte mit dem Ding nichts anfangen und hat sowas noch nie gesehen.“

Zum Gürtellochen, wie manche vermuteten, sei es nicht geeignet, da die Stifte nicht massiv seien, „sondern nur aus dünnen Blech bestehen und oben zusammengelötet sind“, erläuterte Reichert. Die Vermutung, dass es mit der Schuhmacherei vielleicht gar nichts zu tun haben könnte, bewahrheitete sich später.

Melanie Schuhmel schließlich war es laut Reichert, die über Facebook Licht ins Dunkel brachte. Ihre Antwort, „Zum Rasierklingen schärfen“, brachte die Forscher vom Museumsverein auf die richtige Spur. „Das Foto zeigt eine von etwa acht verschiedenen Techniken, benutzte Rasierklingen in eine Vorlage einzuspannen und durch ‚Schleifen‘ zu schärfen“, erklärte Reichert.

Das Schärfen der Schneide erfolgte durch Abrieb auf einer rauen ledrigen Scheibe oder Lederfläche. Die dauernde Bewegung der Klinge wurde bewerkstelligt durch das Ziehen an einer seitlichen Schnur – die fehlte allerdings bei dem Fundstück des Heimatmuseums – von links nach rechts und zurück. Die eingespannte Klinge wurde laut Reichert durch den Exzenter an den vier Schleifbacken, zwei oben und zwei unten, entlang gezogen und so wieder scharf.

Datieren lässt sich das Fundstück in die Weimarer Republik. Während dieser, von 1919 bis 1933, hätten sich die Rasier-Gewohnheiten vieler Männer sehr geändert. Eine neue Möglichkeit neben der traditionellen Nass-Rasur oder dem Besuch beim Barbier sei der Sicherheitsrasierer von Gillette gewesen. Für diesen und die deutschen nachgebauten Sicherheits-Rasierapparate gab es ab 1929 für die Millionen von Arbeitslosen diese Klingenschärfer, um so Geld zu sparen.

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