Der Ulfenbach bestimmte die Geschicke des Überwalds

Nur ein paar Meter auseinander liegen bei Hammelbach die Quellen der beiden den Kreis Bergstraße prägenden Bäche. Südwestlich des Grasellenbacher Ortsteils entspringt der Ulfenbach, der bei Hirschhorn in den Neckar mündet. Nördlich davon befindet sich der Ursprung der Weschnitz, die bei Biblis in den Rhein fließt. Beide thematisierte der Heimatkundler Hans-Günther Morr in seinem Vortrag „Fließgewässer im Odenwald“, den er auf Einladung der „Aktiven Senioren“ im Wald-Michelbacher Einhaus hielt.

Beim Streit darüber, wo genau der Ulfenbach entspringt, seien die Hammelbacher cleverer gewesen, führte der Heimatforscher aus. Die nämlich hätten an „ihren“ Brunnen einfach „Ulfenbach-Quelle“ drangeschrieben und waren so im Vorteil gegenüber den Gras-Ellenbachern. Hauptaufgabe des wichtigsten Bachs im Überwald war es laut Morr über Jahrhunderte, „Mühlen und Schmieden anzutreiben“.

Ein alter Mühlenplan von 1717, der bis hinunter nach Korsika (damals noch „Corsica“) reicht, verzeichnet, wer wo und für was Wasser abzapfen durfte. Morr erklärt sich die Erstellung damit, dass es in der Region die Aufteilung zwischen Kurmainz (katholisch) und Kurpfalz (reformatorisch) gegeben habe „und dadurch Ärger um die Wassernutzung entstand“.

Der Ulfenbach war aber nicht nur Energie- und Nahrungslieferant (nicht umsonst wurde er Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auch Lachsbach genannt), sondern verbreitete mitunter auch Angst und Schrecken, erläuterte der Referent. Dann nämlich, wenn ein Frühjahrshochwasser halb Schönmattenwag in den Flut versinken ließ. „Vor 1000 Jahren war das dort alles sumpfiges Gebiet“, so Morr mit Blick auf die erste urkundliche Erwähnung des Ortes. Nicht umsonst sei die Kirche später am Hang gebaut worden.

Ein besonderes Kulturdenkmal war laut dem Heimatkundler die Brücke am „Kirchpädel“, dem Kirchpfädchen über den Ulfenbach von Korsika kommend nach Unter-Schönmattenwag (Bild unten). Die ehemalige Steinbrücke „zeugt von einer jahrhundertelangen Nutzung“, denn der Sandstein sei in der Mitte ein paar Zentimeter tief ausgetreten.

Die Brücke konnte Morr gerade noch vor der Zerstörung retten. Denn sie war schon zum Abbruch freigegeben worden, da angeblich nicht mehr sicher. Durch den Einsatz des Heimatforschers wurde sie erhalten, abtransportiert und am Einhaus in Wald-Michelbach wieder aufgestellt.

Als letztes Bauwerk auf dem Weg des Ulfenbachs in den Neckar nannte Hans-Günther Morr die mittelalterliche Bogenbrücke in Hirschhorn. Über die sogenannte „Steinerne Brücke“ ging in früheren Jahren der komplette Verkehr im Neckartal, zwischen Mannheim und Stuttgart, führte er aus. Umgehung, Neckarbrücken und Tunnel waren damals noch Fremdworte.

Als den „größten See im Überwald“ bezeichnete er den aufgelassen Steinbruch Mengelbach. 100 Meter sei er breit, 200 Meter lang, vier bis fünf Meter tief – und das Reinspringen sei verboten, ergänzte der Heimatkundler.

Bis 1906 gab es keine öffentliche Wasserversorgung, begann der Referent den Teil seiner Ausführungen über die zahlreichen Überwald-Brunnen. Kirrwegbrunnen in Kreidach oder Dreiröhrenbrunnen in Siedelsbrunn seien deshalb wichtige Faktoren im örtlichen Leben gewesen. Morr nannte neben Stallenkandel und Schorkebrunnen auch den „Drinkbrunnen“ in Affolterbach, der zu Zeiten Kneipps erbaut worden sei. Die Inschrift „Jederzeit zur Gesundheit“ zeuge davon. Der Dorfbrunnen in Gadern wiederum hätte eine Aufhübschung verdient, sagte er.

„Der wichtigste Fluss im Kreis Bergstraße ist die Weschnitz“, so Hans-Günther Morr. Auf ihren 60 Kilometern vom Fuße der Tromm bis zum Rhein bei Biblis habe sie nicht nur in der Vergangenheit Spuren hinterlassen. „Die Menschen im Rheintal mussten ihre Kapriolen ertragen“, sagte der Heimatkundler. Denn nach der Schneeschmelze habe der Fluss in früheren Zeiten „das gesamte Ried unter Wasser gesetzt“. Nicht zuletzt deshalb sei sie ab Weinheim kanalisiert worden.

Über die Weschnitz „in grauer Vorzeit“ wusste Morr Erstaunliches zu berichten. Damals soll der Neckar parallel zur Bergstraße sein Bett gehabt haben und erst bei Trebur in den Rhein gemündet sein. Zwischendurch, bei Lorsch, sei die Weschnitz in ihn geflossen. Schon im Mittelalter habe man aber den Neckar umgebettet und die Rheinmündung nördlich von Mannheim gelegt, um das Ried trockenlegen und für die Landwirtschaft nutzbar machen zu können.

In letzter Konsequenz wurde laut Morr die Ried-Entwässerung während des Dritten Reichs im Zuge der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführt. Manche Ortschaften seien so erst zur damaligen Zeit gegründet worden.

Von Hammelbach aus fließe die Weschnitz erst einmal Richtung Norden bis zum gleichnamigen Ort, erläuterte der Referent. Der habe durch die Walburgiskapelle eine große geschichtliche Bedeutung. Denn 765 hätten sich hier die Gaugrafen getroffen und die Grenzen der Mark Heppenheim abgesteckt. Das heutige Fürth als erste größere Ansiedlung auf dem Weg des Flusses Richtung Südwesten hat seinen Namen von der dortigen Furt, durch die man das obere Tal mit Lindenfels erreichen konnte.

Eine schöne Geschichte hatte der Heimatforscher über das Mörlenbacher Wappen, die drei silbernen Glocken, parat. Angeblich hatten die Bewohner im Mittelalter Angst vor marodierenden Banden und versenkten die Kirchturmglocken in der Weschnitz. Doch durch Unruhen, 30-Jährigen Krieg und Pest dünnte sich die Bevölkerung aus. „Irgendwann wussten die Nachkommen nicht mehr, wo man die Glocken versenkt hatte. Bis heute wurden sie nicht gefunden.“

Die Gefährlichkeit des Flusses war schon in der Renaissance bekannt. Bereits 1635 wurde die Weschnitz in Weinheim kanalisiert und geteilt. „In Grundzügen besteht dieser Verlauf immer noch.“ Was aber den Bach nicht davon abhält, im Oberlauf für Unheil zu sorgen: Beim Jahrhunderthochwasser wurde Morr zufolge das komplette Rimbacher Hallenbad aus dem Fundament gehoben und unwiederbringlich zerstört.

Erst bei Lorsch fließen die beiden Weschnitzarme wieder zusammen. Hier finde man auch die Lorscher Insel, die als Polder wie auch als Rückzugs- und Brutgebiet für seltene Vogelarten diene. „Auch Kloster Lorsch wurde auf einer alten Weschnitz-Insel erbaut“, so Morr. Dies sei heute aber nicht mehr erkennbar, da der Fluss drei bis vier Meter gegenüber früher tiefer gelegt worden sei.

Eine interessante Entdeckung machte der Referent in diesem Gebiet: fünf oder sechs alte Fronsteine, nicht nur mit der Aufschrift Heppenheim, sondern auch mit Hartenrod (ein Ortsteil von Wald-Michelbach). Die Genannten seien im jeweiligen Bereich für die Säuberung des Flusses zuständig gewesen. Die Hartenroder Verpflichtung trotz der räumlichen Distanz erklärt sich Morr mit der Zugehörigkeit des Weilers zum katholischen Kurmainzer „Amt Starkenburg“.

Einen Fokus legte der Heimatforscher auch die vielen Brücken entlang der Weschnitz. „Der bedeutendste Übergang im Mittelalter“ war seinen Worten nach die Reisener Gewölbebrücke. Alle, die von Weinheim kommend das Tal hinauf wollten, mussten sie überqueren. Mit dem Heiligen Nepomuk gab es auch einen eigenen Schutzheiligen. Die Römerbrücke in Weinheim und die alte Postbrücke westlich von Heppenheim waren ebenfalls Teil seiner Betrachtungen.

„Sehr interessant“ lauteten die Rückmeldungen aus dem Publikum, das viel Beifall spendete. Morr wurde aufgefordert, doch öfters einmal für Vorträge vorbeizuschauen. Dieser kündigte auch gleich sein nächstes Referat am 25. Juni, 19.30 Uhr, in der „Guud Schdubb“ des Feuerwehrhauses beim Geschichts- und Kulturverein Wahlen zum Thema „Erzbergbau im Überwald“ an. Seitens der „Aktiven Senioren“ dankte Rosemarie Mackowiak dem Referenten mit einem Weinpräsent.

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