„Zentrales Problem wird die Rekrutierung von Pflegekräften sein“

Karl Lauterbach sieht die Gesellschaft im Bereich der Pflege vor riesigen Herausforderungen. Besonders ab 2030, wenn die Baby-Boomer-Generation ins Rentenalter komme, stehe man vor „gewaltigen Aufgaben“. „Zentrales Problem, noch gravierender als die Finanzierung, wird die Rekrutierung von Pflegekräften sein“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsexperte. Er referierte auf Einladung der Ersten Parlamentarischen Geschäftsführerin Christine Lambrecht im Dorfgemeinschaftshaus.

Dass das Thema den Bürgern auf den Nägeln brennt, zeigte nicht der aus allen Nähten platzende Saal, sondern auch die Vielzahl der Nachfragen an den Experten und die beiden Co-Referenten, Regionalvorstandsmitglied Peter Klotz von der Johanniter-Unfallhilfe Bergstraße-Pfalz sowie Philipp Stielow, Abteilungsleiter Sozialpolitik und Öffentlichkeitsarbeit beim VdK Hessen-Thüringen.

„Wir haben eine ganze Menge auf den Weg gebracht“, so Lambrecht einleitend. Es sei mit der ersten Pflegereform zum Jahresanfang 2015 „mehr Geld im System“. Die Leistungen würden insgesamt um vier Prozent erhöht, die finanzielle Unterstützung für den Umbau der eigenen Wohnung ausgebaut und die Betreuung in den Pflegeeinrichtungen verbessert, so die Bundestagsabgeordnete. Weitere Maßnahmen seien die flexibleren Möglichkeiten für Angehörige, eine Auszeit in Form der Kurzzeit- und Verhinderungspflege in Anspruch zu nehmen, oder die Erhöhung der Pflegehilfsmittel.

Mit einem Pflegezeitgesetz sei die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf verbessert worden. „Damit wollen wir Arbeitnehmer entlasten, die kurzfristig die Pflege eines Angehörigen organisieren müssen“, brachte Christine Lambrecht zum Ausdruck. Sie könnten dafür eine bezahlte Auszeit von maximal zehn Tagen nehmen.

Bei den Sozialkassen diagnostizierte Lauterbach aktuell eine „eher stabile Situation“. 6,4 Milliarden Euro habe man derzeit in der Pflegeversicherungsrücklage. Letztes Jahr sei ein leichter Überschuss zu verzeichnen gewesen. Bei der Krankenversicherung seien sogar knapp 30 Milliarden auf der hohen Kante. Der Gesundheitsexperte bezeichnete deshalb die Finanzierung als „überschätztes Problem“.  Akuter sei der stetig wachsende Bedarf an Pflegekräften durch immer mehr Pflegebedürftige.

2,4 Millionen seien es derzeit, erläuterte Lauterbach, innerhalb der nächsten 15 Jahre kämen noch einmal 700.000 bis 800.000 Menschen hinzu. Wenn man davon ausgehe, dass zwei bis drei Familienangehörige davon indirekt betroffenen seien, rede man von etwa zehn Millionen, die selbst oder im direkten Umfeld mit dem Thema Pflegebedürftigkeit konfrontiert würden. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: „Nach 2030 wird die Zahl nochmal beschleunigt zunehmen“, sagte der Experte.

Der rasche Anstieg „liegt an Krankheiten, die man im Alter nicht vermeiden kann“: vor allem Demenz, aber auch Herzschwäche und Muskelschwund. Gerade der Demenz könnten Ärzte aber viel früher entgegenwirken, nahm Lauterbach auch seine Zunft in die Pflicht. So sei Diabetes immer ein Faktor für eine spätere Erkrankung. „Wir dürfen nicht erst beim 60-Jährigen beginnen entgegenzuwirken“, sagte er, sondern dies müsse bereits im mittleren Alter geschehen.

Interessanterweise führe aber auch der Fortschritt in der Medizin zu mehr Demenzkranken, erläuterte Lauterbach. Denn bestimmte Krebserkrankungen, die früher unheilbar waren, „können heutzutage behandelt werden“. Die betreffenden Medikamente schädigten allerdings bestimmte Blutgefäße im Gehirn – was wiederum Demenz begünstige. Ähnlich verhalte es sich mit Operationen. Hier sei es mit zunehmendem Alter die Vollnarkose, die einen Ausbruch „beschleunigen kann“.

Akuten Handlungsbedarf machte der SPD-Gesundheitsexperte bei den Pflegekräften aus. In zehn Jahren würden etwa 950.000 Menschen in diesem Berufsfeld benötigt. „Selbst bei optimistischer Schätzung fehlen aber 100.000 Vollzeitkräfte.“ Gehe die Entwicklung aber weiter wie heute, dann könnten es Lauterbach zufolge an die 200.000 sein.

Drei Gründe machte er dafür aus: Die Pflege als Beruf sei gegenüber anderen Berufen immer uninteressanter. In ihr Arbeitende würden schlecht bezahlt. Und: Es gebe immer weniger junge Menschen, die in den Job einsteigen könnten. Schon jetzt „kann das Klinikum der Stadt Köln die offenen Stellen nicht mehr besetzen“, warnte er. Auf dem Land sehe es noch schlechter aus.

Anfang 2017 solle eine weitere Reform in Kraft treten, sagte der Bundestagsabgeordnete. Dann gebe es eine Neueinstufung in fünf Bedarfsgruppen. Diese „richten sich danach, was der zu Pflegende noch machen kann“ und nicht, was mit ihm gemacht werden müsse. „Der Pflegebedürftige soll im Vordergrund stehen“, formulierte es Lauterbach.

Man versuche, eine Schlechterstellung (die „fiktiven Verlierer“) soweit wie möglich zu möglich zu vermeiden. Das betreffe aber nur neue Fälle. Wer bisher schon eingruppiert sei, werde sowieso durch die sogenannte Meistbegünstigungsklausel geschützt. Bei Demenz- und psychisch Kranken werde sich die Reform positiv auswirken, versprach er.

Als weiteren Punkt nannte Lauterbach eine homogene Ausbildung. Die wolle man „mit bundeseinheitlichen Standards“ erreichen. Verhandlungen in einer Bund-Länder-Gruppe („ein vielstimmiger Chor“) liefen, gestalteten sich aber schwierig. Wichtig sei daneben „der Erhalt von funktionierenden Gemeinschaften“. Vereinsamung im Alter bedeute ein höheres Risiko für eine Demenzerkrankung.

 

Interessantes aus dem Praxisalltag eines Pflegedienstleisters berichtete Regionalvorstandsmitglied Peter Klotz von der Johanniter-Unfallhilfe Bergstraße-Pfalz. „Der Stress ist immens groß geworden“, sagte er. Die finanzielle Ausstattung des Pflegepersonals sei „nach wie vor schlecht“ – sowohl für den Patienten als auch für den Leistungsanbieter. „Eigentlich müssten wir derzeit auch streiken“, meinte Klotz. „Doch wir können unsere 80 Bewohner nicht einfach abgeben.“ Die Johanniter betreiben in Rimbach das Altenpflegeheim Weschnitztal.

„Angst und Bange“ wird Klotz, wenn er auf die Personalsituation schaut. In Rimbach „hatten wir in diesem Jahr noch keine Bewerbung für einen Ausbildungsplatz“. Aber auch bei den Führungskräften sehe es schlecht aus. „Bei Pflegepädagogen ist das Bewerberangebot gleich null“, sagte er. Denn man habe für die Johanniter-eigene Pflegeschule jemanden gesucht.

Eine Verbesserung der beruflichen und finanziellen Situation – ähnlich wie es die Erzieherinnen jetzt für sich forderten – müsse her, forderte er. Ambulante Pflegekräfte müssten hochflexibel sein, was sich aber nicht mit der Lebenswirklichkeit von jungen Menschen decke. Und schlecht bezahlt werde.

„Die Vorschläge gehen in die richtige Richtung“, meinte Philipp Stielow, Abteilungsleiter Sozialpolitik und Öffentlichkeitsarbeit beim VdK Hessen-Thüringen, zu Lauterbach gewandt. In das Thema „ist Bewegung gekommen“. Um allerdings gleich ein „Aber“ hinterher zu schieben: Wenn die zweite Stufe der Reform 2017 komme, werde es noch Zeit brauchen, sie wirklich umzusetzen. „Das ist ein langer Zeitraum“, so Stielow. Der VdK habe diese Maßnahmen schon vor zehn Jahren gefordert.

Bei den pflegenden Angehörigen „muss mehr als bisher geschehen“, meinte der VdK-Mann. Es könne nicht angehen, dass diese dann bei der Rente schlechter gestellt würden als andere, die in dieser Zeit angestellt arbeiteten. Eine Regelung wie bei der Kindererziehung könnte sich Stielow für diesen Fall vorstellen.

„Die Pflege muss besser bezahlt werden“, war sich Lauterbach mit den beiden Co-Referenten einig. Leider sei sie bisher „ein karrierefreier Bereich“. Eine Leitungsfunktion „geht nicht einher mit einer entsprechenden Bezahlung“. Allerdings sei das Problem der fehlenden Arbeitskräfte nicht nur über Geld zu lösen, sondern es gehe auch um die gesellschaftliche Anerkennung und das Ansehen des Berufs.

Dem System der Pflegeversicherung als solches kann der SPD-Experte viel abgewinnen. Diese Form der Vollversicherung kenne man nicht einmal in Schweden oder in der Schweiz, ganz zu schweigen von südeuropäischen Ländern. „Heute wäre eine Einführung der Pflegeversicherung politisch gar nicht mehr möglich“, sagte er.

Die anschließende Diskussion war vielfältig. Es ging zum einen um den Ausbildungsweg, aber auch um die Furcht, dass es nach der Reform 2017 eine Schlechterstellung von dann Pflegebedürftigen geben könnte. Breiten Raum nahmen aber auch persönliche Schilderungen zusammen mit dem Hinweis auf Missstände und Auswüchse der Bürokratie ein. Die große Resonanz unter den bestimmt 60 Zuhörern zeigte, dass die SPD mit der Veranstaltung unter dem Titel „Für eine gute und menschenwürdige Pflege“ ein der Bevölkerung auf den Nägeln brennendes Thema aufgegriffen hatte.

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