Am 17. Mai: Geopark-Wanderung mit Jürgen Wolf über den ersten deutschen Waldlehrpfad

„Ohne Wald kein Wasser – ohne Wasser kein Leben! Wollen wir leben, müssen wir den Wald schützen.“ Prophetische Worte schon Mitte des 20. Jahrhunderts, als Umwelt- und Naturschutz überhaupt noch nicht auf der gesellschaftlichen Agenda standen. Der Ober-Schönmattenwager Lehrer Rupprecht Bayer war aber auch in anderer Weise Vorreiter: Unter seiner Regie wurde von 1955 bis 57 der erste deutsche Waldlehrpfad im idyllischen Ellenbachtal angelegt. Diesen stellt Geopark-Vor-Ort-Begleiter Jürgen Wolf am Sonntag, 17. Mai, bei einer Wanderung vor.

Zweieinhalb Stunden geht es an diesem Vormittag mit Wolf auf befestigten Waldwegen durch das Naturschutzgebiet. Die reine Strecke beläuft sich aber nur auf knapp drei Kilometer, denn der Geopark-Begleiter macht zwischendurch oft Halt, erläutert an verschiedenen Stationen die einzelnen Besonderheiten und geht auch auf Außergewöhnlichen rund um den Waldlehrpfad ein.

Zum Geopark kam Wolf „wie die Jungfrau zum Kinde“, wie er schmunzelnd sagt. 2007, anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Lehrpfades, wurde er gefragt, ob er die Tour übernehmen würde, erinnert er sich. Ja gesagt und gleich umgesetzt: Jürgen Wolf nahm im Anschluss an der ersten Runde der Vor-Ort-Begleiter-Ausbildung teil und bot die Wanderung an.

Lehrer Bayer (1915-1994) kam 1948 an die damals noch existierende einklassige Volksschule in Ober-Schönmattenwag, erzählt Wolf. 1952 begann er, mit seinen Schülern eine Vogelschutzgruppe aufzubauen. Daraus sei dann die Idee entstanden, einen Waldlehrpfad zu errichten. Von 1955 bis 1957 liefen die Vorbereitungen: „Die Schüler wälzten Lexika, lasen Biologie-Bücher, fertigten Info-Tafeln an, schnitzten die Schilder und brannten die Texte ein“, so Wolf. In dieser Gestaltung rein durch die Schüler liege eine weitere Besonderheit des Pfads im Wald-Michelbacher Ortsteil. „Das hat man sonst kaum.“

Bayer hat Wolf zufolge zur damaligen Zeit ein „modernes pädagogisches Konzept umgesetzt“: fächerübergreifend, handlungsorientiert und projektbezogen. Um die Texte zu erstellen, seien sowohl Schön- als auch Rechtschreibung gefordert gewesen, das Fach „Werken“ wurde durch die Herstellung der Schilder abgedeckt, Mathe und Geometrie kamen durch die Übertragung der Winkel bei der Konstruktion zu ihrem Recht, weiß Wolf zu berichten.

Rupprecht Bayer war danach ein gefragter Mann in punkto Waldlehrpfad. Ein weiterer sei in der Folge in Oberhessen und einer bei Colmar errichtet worden. Der Lehrer hielt Vorträge über naturnahen Unterricht. Die Schule selbst hatte allerdings nicht mehr lange Bestand. In den 60er Jahren wurde sie aufgelöst, Schüler und Lehrer wechselten nach Unter-Schönmattenwag. Der Lehrpfad wurde in der Folge von der Vogelschutzgruppe im Nabu betreut.

Während seiner Tour erläutert Wolf eine Vielzahl der angebrachten Schilder. An der „Kohlplatte“ darf der Hinweis auf das früher weit verbreitete Köhlerhandwerk nicht fehlen. „Bis 1972 gab es noch einen Köhler in Unter-Schönmattenwag“, erzählt Wolf. Die Holzkohle wurde lange Zeit zur Eisenverhüttung genutzt, mit dem Aufkommen des Kohlebergbaus im 19. Jahrhundert geriet dieses alte Handwerk aber langsam in Vergessenheit. Ein früherer Abnehmer war auch der Schneider, der in den Zeiten vor der Elektrizität die Holzkohle fürs Erhitzen des Bügeleisens benötigte.

Ein anderer fast vergessener Beruf, das „Rennekloppe“ (Rindenklopfen), findet auf Wolfs Tour ebenfalls Erwähnung. Die dabei gewonnene „Eichenlohe“ (Eichenrinde) wurde in der Gerberei benötigt, sagt er. Zur Weiterverarbeitung wurde das am Ort gewonnene Material ins Neckartal gebracht und per Schiff weiter befördert.

Eine weitere Odenwälder Besonderheit sind die „Brechlöcher“, von denen nur noch wenige überhaupt erhalten sind – und wenn, dann nicht so gut wie das am Waldlehrpfad. Dabei handelt es sich laut Wolf „um eine Jahrhunderte alte Flachsröste“. Hanf und Flachs (aus dem Leinen produziert wird) wurden in dem aus Sandsteinplatten hergestellten Erdkamin getrocknet, geröstet und an Ort und Stelle durch „Brechen“ und „Hecheln“ weiter verarbeitet.

Bei letzterem wurde der Flachs über ein Brett mit spitzen Nägeln gezogen, eine Art großer Kamm. Das so gewonnene Material konnte fürs Spinnen genutzt werden. „Das Hecheln war früher ein großes Ereignis“, berichtet Wolf, viele Einwohner kamen zusammen und redeten viel und ausführlich über andere Leute – die Redewendung „durchhecheln“ hat hier ihren Ursprung.

Jürgen Wolf kommt bei der Wanderung auch auf den Waldanbau und auf heutige Vorstellungen bei der Forstbewirtschaftung zu sprechen. Schälschäden durchs Rotwild dokumentiert er mit abgenagten Ästen. „Wenn das ständig geschieht, kann sich die Fichte nicht entwickeln“, so Wolf. Er geht daneben auf einzelne Pflanzen und Bäume ein und erläuterte die Arten-Unterschiede. Wie zwischen Hain- und Rotbuche: „Der Stamm bei der Rotbuche ist glatt und silbergrau“, erklärt er. Die Hainbuche habe einen Drehwuchs sowie hellere und dunkele Streifen. Auch wiesen die Blätter eine unterschiedliche Zeichnung auf.

Info: Der Geopark-vor-Ort-Begleiter Jürgen Wolf lädt am Sonntag, 17. Mai, zu einer geführten Wanderung auf dem ersten deutschen Waldlehrpfad im Ellenbachtal ein. Treffpunkt ist um 9.30 Uhr auf dem Parkplatz an der Grillhütte, den man von Ober-Schönmattenwag aus an der Kreisstraße Richtung Raubach gleich hinter dem Ort linkerhand erreicht. Anmeldung notwendig unter Telefon 06207/5856.

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