Skelettfunde auf dem Burgareal sind eine Besonderheit

„Mindestens 50 Beisetzungen, wenn nicht sogar 100“, vermutet Heimatforscher Hans Wagner im ehemaligen Schlosshof von Mörlenbach. Er bezog sich dabei auf die Funde von 2012, als bei Umbaumaßnahmen an der Schlosshofschule mehrere menschliche Skelette entdeckt worden waren. Wagner stellte die neusten Erkenntnisse zusammen mit der Siedlungsgeschichte Mörlenbachs bei einem Informations- und Ausspracheabend im Bürgerhaus vor.

Dass die Mörlenbacher Funde etwas Besonderes sind, macht Wagner an der Auskunft von mehreren Geschichtswissenschaftlern fest. Demnach sei „nur von drei oder vier Burgen in ganz Deutschland bekannt, dass Beisetzungen innerhalb der Burgmauern stattfanden“. Zwei Skelette wurden laut Wagner bei Radiokarbonmessungen auf Anfang bis Ende des 13. Jahrhunderts datiert. Einmal sei das Jahr 1292 am wahrscheinlichsten für die Bestattung, bei einer anderen Probe der Zeitraum 1227 bis 1282. „Somit könnte der Friedhof knapp 100 Jahre lang genutzt worden sein“, schloss der Heimatforscher.

„Wo sollen denn die Funde ausgestellt werden?“, warf er als Frage in den mit etwa 40 Zuhörern gut besuchten Raum. Die Antworten waren uneinheitlich. Im Rathaus ja, wie Wagner als Alternative neben dem Bürgerhaus vorgeschlagen hatte, aber nicht im Obergeschoss, sondern im Foyer, lautete eine Meinung. „So etwas gehört eigentlich ins Museum“, war eine andere Äußerung. Als Vorschlag hierzu: Bonsweiher. Oder: Die Skelettfunde sollten in den Kontext gebracht und hinter einer Glasvitrine in einer gesicherten Nische der Stadtmauer ausgestellt werden. Das Bürgerhaus fand keine Befürworter.

Den noch vorhandenen Schlossplan aus dem Jahr 1789 – als das Bauwerk aber längst seine Bedeutung verloren hatte – bezeichnete Hans Wagner als „wichtigstes Dokument für die weiteren Überlegungen“. Die Kirchgasse sei auf ihm verzeichnet wie es sie auch heute noch gebe. Als die Spannungen zwischen Kurpfalz und Kurmainz größer wurden, entstand dem Heimatkundler zufolge in früheren Jahrhunderten der große Wallgraben mit acht bis zehn Metern Breite. Später, nach Aufgabe der Burg und Trockenlegung im 19. Jahrhundert, dort errichtete Häuser habe man mit einem stabilen Fundament unterfüttern müssen.

Aber nicht nur wegen des alten Wassergrabens, sondern auch wegen des hohen Grundwasserstands, so Wagner. Anhand einer alten Karte und anderen Unterlagen zeichnete er die frühere Besiedlung des Ortes nach. Die Weschnitz habe sich nach den verschiedenen Hochwassern immer wieder ein neues Bachbett gesucht. „Das hat dem Ort zu schaffen gemacht.“

Am Beispiel von Lindenfels zeigte Wagner auf, wie in etwa die frühere Mörlenbacher Wasserburg ausgesehen haben könnte. Beiden Bauwerken sei gemeinsam, dass es sich bei ihnen um „Polygone“, als Vielecke, handle. Daraus lasse sich seiner Ansicht nach schließen, dass beide Burgen vor dem Jahr 1100 erbaut wurden, weil danach eine rechteckige Bauweise dominiert habe, sagte der Heimatforscher. Aus alten Quellen schuf er sich selbst ein Bild der früheren Wasserburg und zeichnete das Schloss so, „wie es hätte aussehen können“, mit Backhaus, Kapelle, Brunnen, Kirche, Torhaus, Turm und Wohnhaus.

Der Verlauf der damaligen Stadtmauer lasse sich heute noch an manchen Stellen erkennen, führte Wagner aus. Auf 100 bis 200 Metern sei sie nachvollziehbar, aber oft in Hauswände (wie in der Kirchgasse 1), Scheunen oder Zäune verbaut. Sie sei in früherer Zeit etwa vier Meter hoch und 80 Zentimeter dick gewesen und schloss die Wasserburg zur Hälfte mit ein. Erbaut wurde die früher 600 Meter lange Ringmauer ab dem Jahr 1300, wobei sich die komplette Realisierung bis zur Mitte des folgenden Jahrhunderts hinzog.

Die verschiedenen Zahlen zur Mörlenbacher Bevölkerungsentwicklung sind seinen Worten zufolge mit Vorsicht genießen, er nannte trotzdem einige. Pest und Dreißigjähriger Krieg führten im 17. Jahrhundert dazu, dass die Einwohnerzahl im Bereich der Cent Mörlenbach mehr oder weniger wieder auf den Stand des Jahres 900 mit etwa 340 Personen sank. Erst ab Beginn des 19. Jahrhunderts lässt sich ein signifikanter Anstieg auf über 1000 Seelen beobachten. Allerdings wanderten bald danach 700 Einwohner aufgrund der Hungersnöte nach Amerika aus.

„Mörlenbach war nur ein befestigter Außenposten, nicht allzu groß“, meinte Wagner zur früheren Bedeutung des Ortes. Ein Adelssitz habe es höchstens einmal – aber auch das sei ungesichert – zu fränkischer Zeit hier gegeben. Später würden in den geschichtlichen Quellen immer nur Amtsmänner genannt, die das Sagen hatten. Etwa 1254 Heinrich von und später ein Dieter zu Mörlenbach. Von letzterem sei überliefert, dass er „ein Pferd rüstig halten musste“. 1766 ist als Ortsherr der Centgraf des Odenwaldes, Michael Gramm, genannt.

Orte seien früher meist dort entstanden, wo ein Bach aus dem Nebental in die Weschnitz einmündete, blickte Wagner in die Gründungszeit von Mörlenbach zurück. Hier wie auch im Falle Rimbachs oder Zotzenbachs heißen Bach und Ort gleich, bei Birkenau ist es der Liebersbach. „In der Anfangszeit gab es nur Herrenhöfe“, sagte er. Diese seien meist an leicht erhöhten, hochwasserfreien Stellen errichtet worden. So sei bei der Schlosshofschule der erste fränkische Herrenhof entstanden. Allerdings noch nicht befestigt, sondern lediglich mit einem Palisadenzaun drum herum. Nichtsdestotrotz sei diese Ansiedlung „die Keimzelle des Ortes“, so Wagner.

Um das Jahr 900 herum „wurde die Besiedlung vom Kloster Lorsch her vorangetrieben“, berichtete der Heimatkundler. Es seien Schlosskapelle und Friedhof entstanden, ein Zeichen dafür, dass langsam mehr Menschen an der Schnittstelle von Weschnitz und Mörlenbach lebten. In den Anfangszeiten, so der Wagner, müsse man sich die viele kleine versprengte Höfe im Umfeld des ersten errichten Hofes vorstellen, die von „Unfreien“ bewohnt wurden – es gab noch kein geschlossenes Ortsbild.

Ein Beispiel für diese Art der Bebauung und Besiedlung sei beim Kloster Lorsch in Form der Nachbildung des karolingischen Herrenhofs „Lauresham“ zu finden. „So könnte es damals auch in Mörlenbach ausgesehen haben“, erläuterte Wagner. Es habe nur einstöckige Holzbauten gegeben, allerhöchstens Adlige verfügten über Stein- oder mehrstöckige Häuser.

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