10.000 Stühle gingen in 43 Jahren durch seine Hände

Ein Glück, dass Jürgen Baron den väterlichen Berufswunsch nicht allzu lange durchhielt. Denn der wollte, dass der Filius Mitte der 70er Jahre „was Anständiges lernt“. Doch Fernmeldeelektroniker war‘s dann doch nicht und so kehrte der Sohnemann bald wieder zum Familienhandwerk zurück: Vater und Großvater waren Korbmacher, er spezialisierte sich in der Folge auf die Reparatur von Stuhlgeflechten aus Rattan – und übt diese alte Handwerkskunst heute noch hauptberuflich aus.

Eigentlich fast vorhersehbar, wenn man schon als 13-Jähriger sein Taschengeld im elterlichen Betrieb aufbesserte. Und ein Segen für alle Besitzer von alten Stühlen, denen Baron als einer der letzten seiner Zukunft wieder zu einer stabilen Sitzgelegenheit verhilft. Aus ganz Deutschland kommen inzwischen die Anfragen nach einer Reparatur. Wer nicht in der näheren Entfernung von 70 oder 80 Kilometern wohnt, der schickt die Sitzfläche – sofern herausnehmbar – eben mit der Post.

„Aber mehr als 250 Stühle im Jahr schaffe ich nicht“, sagt Baron augenzwinkernd. Was derzeit eine Vorlaufzeit bei der Reparatur von zwei bis vier Monaten bedeutet. Der Stuhlflechter lebt dabei vor allem von der Mund-zu-Mund-Propaganda. Seine Arbeit hat sich bei Besitzern und Liebhabern von alten Stühlen herumgesprochen. Egal, ob diese jetzt aus dem Biedermeier, der Gründerzeit oder dem Barock stammen, dem Bauhaus-Stil oder Louis XVI. zuzuordnen sind.

Das Stuhlflechtrohr erreichte auf dem europäischen Festland einen hohen Bekanntheitsgrad durch die Bugholzstühle, auch Wiener Stühle genannt. Der in Boppard am Rhein geborene Michael Thonet präsentierte seine Modelle auf der Weltausstellung 1851 und gewann auf internationalen Ausstellungen Preise in der ganzen Welt. Gut die Hälfte von Barons Arbeiten sind die sogenannten Freischwingerstühle von Thonet, erzählt er.

Für die hat er ein spezielles System, um das Geflecht sehr stabil zu machen. In zweieinhalb Stunden flicht Jürgen Baron eine Matte per Hand, die dann zusätzlich noch mit eingebaut wird. Hält sozusagen bombenfest. „Es spricht sich rum, dass die Sitze eine sehr lange Lebensdauer haben“, was wiederum neue Aufträge nach sich ziehe.

Von der Langlebigkeit seiner Arbeit ist Baron überzeugt. Auf die Frage, wie lange denn ein von ihm reparierter Stuhl halte, antwortet er schelmisch: „Keine Ahnung, ich flechte erst seit 43 Jahren.“ In der Zeit sei ihm nämlich noch kein Sitzmöbel ein zweites Mal in die Werkstatt gekommen. Und er hatte viele Stühle in der Hand: „10.000 dürften es in den mehr als 40 Jahren schon gewesen sein“, meint Jürgen Baron.

Das von ihm verwendete Stuhlrohr wird aus Rattan-Strängen hergestellt. Es stammt von der harten, glänzenden, inneren Rinde der Rohrpalme Calamus Rotang, einer Kletterpalme, die in tropischen Regenwäldern wächst und bis zu 200 Meter lang wird. Die gibt’s natürlich nicht im Supermarkt um die Ecke. Und deshalb ist der Stuhlflechter froh, einen Großhändler an der Hand zu haben, der schon seinen Vater versorgte. Und dessen Vater wiederum seinen Großvater.

Erfährt der Wald-Michelbacher von einer anstehenden Lieferung, dann schlägt er zu. „Ich decke mich dann zwei Jahre im Voraus ein“, meint er schmunzeln. Das sind dann zwischen 30 und 40 Kilo Rattan. Wenn man bedenkt, dass für einen Stuhl nur 50 Gramm davon verwendet werden, wird allerdings die Dimension deutlich. 400 Fäden verarbeitet Baron für einen Stuhlsitz, den er in etwa drei Stunden fertigstellt.

„Flechten ist gar nicht so schwer“, erzählt Jürgen Baron. Allerdings sei „das Kontinuierliche eine Herausforderung“, die nicht alle bewältigten. Ihm sei in seiner Fernmeldetechniker-Ausbildung beigebracht worden, gut auf seinen Körper zu achten, „dann geht er auch nicht kaputt“. Davon profitiere er noch heutzutage. So fit wie er sich derzeit fühle, „will ich bis 80 oder 85 weitermachen“, sagt der heute 56-Jährige. Selbst wenn er wollte, könnte er nicht aufhören. „Die Leute kommen einfach“, seine Tätigkeit habe sich herumgesprochen.

„Früher waren die Gegenstände so konstruiert, dass sie immer reparierbar waren“, schwört er auf die alten Möbel. Denn die, so der Stuhlflechter, „hatten einfach noch Seele, in ihre Herstellung hat jemand viel Zeit und Liebe investiert“. An einem Beispiel erläutert er dies: Die Sitzfläche sei durch Knochenleim so befestigt gewesen, dass man sie problemlos ablösen konnte. Erst später sei die Unsitte aufgekommen, sie mit unlösbarem Leim auszubessern. Den Holzrahmen alter Stühle, meist gebeizt, geölt und mit Schellack gestrichen, könne man mit einem Schwamm und ein wenig Spiritus säubern.

Wer einen alten Handwerksberuf im Überwald ausübt, der kann eigentlich schon aus Prinzip nicht in einem Neubau wohnen. „Wenn man sich mit alten Stühlen umgibt, bekommt man ein Gefühl für das Alte“, meint Jürgen Baron schmunzelnd. Folgerichtig ist das kleine schnucklige Fachwerkhaus, das er 1997 kaufte, bestimmt um die 300 Jahre alt. Oder die Uhr, die in seiner Werkstatt hängt, 180 Jahre. Was eben seiner Wertschätzung für das frühere Handwerk im besten Sinne des Wortes entspricht: nämlich dass alles per Hand gefertigt wurde.

Ob er denn auch mal Urlaub von seinen Stühlen mache? Da fängt Jürgen Baron an zu lachen. „Urlaub? Mein Leben ist Urlaub“, sagt er. Wenn man den Begriff Urlaub als Zeit der Selbstbestimmtheit gegenüber dem oftmals vorbestimmten Arbeitsleben definiere, „dann brauche ich mir das nicht im Urlaub zu holen“. Denn er könne seine Arbeit auch nur machen, „wenn ich ausgeglichen bin“. Sonst komme kein vernünftiges Ergebnis zustande.

Info: http://www.der-stuhlflechter.de

Weitere Bilder: Fritz Kopetzky

Baron04_22_04_2015 - KopieBaron02_22_04_2015 - Kopie    Baron10_22_04_2015 - Kopie  Baron08_22_04_2015 - Kopie Baron07_22_04_2015 - Kopie Baron11_22_04_2015 - KopieBaron09_22_04_2015 - Kopie

Advertisements