In Syrien: „Alles ist kaputt, zerbombt, zerstört“

Es ist doch immer wieder etwas anderes, sowieso schon erschütternde Flüchtlingstragödien in den Medien zu verfolgen oder aus erster Hand vom Leid zu erfahren, das Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Zerstörung und der Suche nach einem besseren Leben ertragen mussten und müssen. Zwei syrische Flüchtlinge, Mohammad und Hani, berichteten auf dem Freundschaftsfest der Flüchtlingshilfe Grasellenbach von ihrem abenteuerlichen und gefahrvollen Weg heraus aus ihrer Heimatstadt Aleppo in den Odenwald.

„Europa hat sich abgeschottet, obwohl es ein Gutteil zur jetzigen Situation beigetragen hat“, meinte Jürgen Flügge mit Blick auf die Verwicklung der EU im Nahen Osten oder in den Maghreb-Ländern. Der Trommer Theaterregisseur ist einer derjenigen, der den Flüchtlingen Deutschkurse gibt, und moderierte den Informationsblock über Syrien und die Flucht(wege) der jetzt in Grasellenbach lebenden Menschen.

„Wir erleben gerade die Explosion einer Region, wie sie Peter Scholl-Latour vorausgesagt hat“, bezog sich Flügge auf eine Äußerung des im vergangenen Jahr verstorbenen Nah-Ost-Experten. In vielen Gesprächen mit den Flüchtlingen sei es um ihre Heimat, ihre Erlebnisse, ihre „lebensgefährlichen Fluchtwege“ nach Europa gegangen, die zwei von ihnen nun den Gästen näherbringen wollten.

„Alles ist kaputt, zerbombt, zerstört“, berichtet Hani über seine Heimatstadt, das (frühere) Weltkulturerbe Aleppo. Er ist – wenn man diesen Vergleich überhaupt ziehen kann – noch einer derjenigen, die einigermaßen „gut“ von Syrien hierher kamen. Einen Monat habe seine Flucht gedauert, sagt er, bis er in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ankam. Zu Fuß ging’s von Aleppo über die türkische Grenze, von dort aus weiter durch insgesamt fünf Länder, bis er Deutschland erreichte.

Seit etwa drei Monaten ist Hani nun in Grasellenbach und hat durch seine Deutschkenntnisse eine wichtige Funktion innerhalb der Gruppe. Denn er lernte in „ruhigeren Zeiten“ am Goethe-Institut von Aleppo Deutsch. Hani war es auch, der sich im Namen der Flüchtlinge zu Beginn bei den Gästen für deren Interesse bedankt hatte. Die Syrer fühlten sich „wie in einer Familie aufgenommen“, zollte er der Aktivität der hiesigen Flüchtlingshilfe höchstes Lob.

Einen sehr steinigen Weg hat dagegen Mohammad hinter sich. Auch er stammt aus Aleppo. „Die meisten Syrer haben keinen Pass“, erläutert er, und müssten deshalb illegal über die türkische Grenze gehen. Sieben Monate verbrachte er in Ankara, um dort einen Weg in die EU zu finden. Dann ging es weiter nach Istanbul, von dort zur bulgarisch-griechischen Grenze. Mit etwas Glück, so Mohammad, komme ein Flüchtling an ein Flug- oder Busticket in die EU, mit Pech müsse er laufen – „über den ganzen Balkan“.

Er weiß von anderen Syrern, die sich durch ganz Griechenland an die westliche, Italien nächstgelegene Küste durchschlugen. Dort gebe es – wie vor der libyschen Küste auch – absolut meeruntüchtige Nussschalen von 20 Metern Länge, auf die 300 oder 400 Menschen zusammengepfercht würden. Auch diese sinken seinen Worten zufolge in regelmäßigen Abständen. Das dortige Leid spiele aber in öffentlichen Aufmerksamkeit gegenüber den Tragödien, die sich bei Sizilien und Lampedusa abspielten, nur eine untergeordnete Rolle.

„Wir Syrer wollen Sicherheit und Frieden, nichts anderes“, verdeutlicht Hani in eindringlichen Worten. Jede Familie dort habe Angehörige verloren. Viele verkauften „ihr letztes Hab und Gut“, um fliehen zu können. „Alles, was sie haben“, gehe für die Flucht drauf, die zwischen 30.000 und 40.000 Dollar kosten könne. Doch der Krieg im Land sei „total“, deshalb sähen die Menschen keine andere Chance mehr.

Aus allen Berufs- und gesellschaftlichen Schichten kommen die jetzt in Grasellenbach untergebrachten Syrer: Arbeiter, Angestellte, Studierte, Studierende. Mohammad etwa studierte im neunten Semester Informationstechnologie und war kurz vor dem Abschluss, als der Krieg ausbrach. Namensvetter Mohamad hat gleich drei Abschlüsse: als Agraringenieur, im Krankenhausmanagement und im Marketingbereich. Dazu kommen aber auch Mechatroniker oder Schneider.

Als Vertreter des Pfarrgemeinderats hatte Heribert Dahlke zu Beginn die knapp 100 Gäste im überfüllten katholischen Gemeindehaus begrüßt. „Wir unterstützen die Flüchtlingshilfe gern“, sagte er. Es sei schön, „dass es Menschen gibt, die sich in dieser Weise ehrenamtlich engagieren“. Ihrer Freude über den sehr guten Besuch gab Christa Schwalb-Mücke Ausdruck. Dieser Freude stehe aber das Leid bei den Tragödien im Mittelmeer gegenüber.

Durchs Programm führte Uli Krell, der auch Mouaouia mit seiner Oud, der „Mutter der Laute“, begrüßte. Dieser spielte einige mit viel Beifall aufgenommene Stücke. Musikalische Unterhaltung gab es daneben auch vom Flötenensemble „Windspiel“ mit Stücken von deutschen Meistern aus zwei Jahrhunderten und der „Krellyfamily“ mit historischen und aktuellen Folksongs. Zum Schluss berichtete Belal in ergreifenden Worten von seinem Abschied aus Syrien, von der letzten Umarmung mit der Familie, den Todesängsten, die er während der Flucht ausstand.

Flüchtlingsinitiative moniert Nachholbedarf bei Behörden in punkto Koordination und Unterstützung

„Wir werden allein gelassen“, sagt Uli Krell von der Flüchtlingshilfe Hammelbach. Ohne Groll, aber als Feststellung und gleichzeitig anklagend. Zehn Personen umfasst der harte helfende Kern derjenigen, die seit Gründung vor etwa drei Monaten ihre Freizeit im Dienste der Mitmenschlichkeit opfern. Aber ohne Unterstützung „von oben“, wie er ausführt. Vor Ort würden die Ehrenamtlichen sich selbst überlassen, müssten sich „alle Infos selbst besorgen“, bekämen nichts an die Hand. Und nichts in die Hand, nämlich nicht einmal Kostenerstattungen für Behördenfahrten oder Anschaffungen.

Denn davon gibt es laut Uli Krell genug, auch aufgrund der vielen noch vorhandenen Unsicherheiten – eben wegen fehlender Infos. Deutschkurse, sagt er, bekämen die Asylbewerber erst dann bezahlt, wenn sie anerkannt seien. Doch da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn Krell hat die Beobachtung gemacht, dass auf den Ämtern manche Mitarbeiter nicht mal Englisch sprächen.

Wie soll also die Verständigung laufen? Natürlich über die Ehrenamtlichen, die dann die Brücke zwischen den Sprachen bilden. Aber dadurch viel Zeit auf den Ämtern und auf dem Weg dorthin verbringen. Und zwischenzeitlich ehrenamtlich versuchen, den Flüchtlingen zumindest einen Grundstock der deutschen Sprache näherzubringen. Uli Krell sieht aber andererseits auch „die Leute auf dem Ausländeramt hoffnungslos überfordert“. Denn es kämen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland, die Mittel reichten hinten und vorn nicht, die notwendigen Kapazitäten seien nicht vorhanden.

Dazu kommen noch andere behördliche, für die Flüchtlingshilfe nicht nachvollziehbare Hürden bei der Eingliederung. Mohamad etwa, der mit dem Abschluss in Krankenhausmanagement, würde gerne ein unbezahltes Praktikum in einem Altenheim machen. Das wiederum würde ihn „gerne nehmen, darf aber nicht“, berichtet Bettina Krell. Warum, kann ihr niemand wirklich beantworten. Denn Ein-Euro-Jobs dürften Asylbewerber schon nach drei Monaten annehmen.

Von den etwa 25 in Grasellenbach untergebrachten Flüchtlingen seien 18 bis 20 Syrer, sagt Bettina Krell, darunter viele junge Männer um die 30 Jahre. Jede der verschiedenen Hilfsorganisationen in den Bergstraßen-Orten „kämpft für sich“, beklagt sie. Immerhin habe man vor kurzem Hilfe aus dem benachbarten Odenwaldkreis bekommen. Von einer dortigen Initiative gebe es Fortbildungsangebote. Doch die tägliche Arbeit spannt alle ein: „Wir müssen für Mohamad noch eine Wohnung finden“, ruft Bettina Krell ihrem Mann Uli hinterher.

Info: Die Flüchtlingshilfe Grasellenbach ist für weitere personelle Unterstützung, etwa bei Behördengängen, dankbar. Infos bei Christa Schwalb-Mücke, Telefon 06253/1289.

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