„Die Flüchtlingstragödien machen uns sprachlos, wütend und unendlich traurig“

„Die Tragödien, die sich nicht nur derzeit im Mittelmeer ereignen, machen uns sprachlos, wütend und unendlich traurig“, sagt Uli Krell von der Flüchtlingshilfe Grasellenbach. „Wütend deshalb, weil hier sehenden Auges der Tod tausender Menschen in Kauf genommen wird, um unsere Festung Europa zu schützen“, bezieht er sich auf die neuesten, in dieser Woche bekannt gewordenen Unglücksfälle von gesunkenen Schlepperbooten mit mehreren hundert Menschen an Bord. Deshalb sei eine „sofortige Wiederaufnahme eines Seenot-Rettungsprogramms durch die EU mit mindestens Mare-Nostrum-Standard“ unabdingbar.

Das Nachfolgeprogramm „Triton“ der europäischen Grenzsicherungsagentur Frontex, das sich nur in einem schmalen Gürtel um den europäischen Landzugang ziehe, „ist allenfalls Grenzschutz und kein humanitärer Akt“, betont Krell. Seit Ende des rein italienischen „Mare-Nostrum“-Programms sei die Zahl der ertrunkenen Flüchtlinge in die Höhe geschnellt, macht er deutlich. Dabei sei die Dunkelziffer enorm hoch, „wissen wir doch seit dem 1. November 2014 gar nicht mehr, welche Katastrophen sich auf dem Meer unbemerkt vollzogen haben“.

Die Statistik sei jedoch nur die Spitze des Eisbergs, ergänzt Christa Schwalb-Mücke. Was in Europa überhaupt nicht bekannt sei – und was die Mitglieder der Flüchtlingshilfe auch erst in einer Fortbildung erfahren hätten -, „ist die Tatsache, dass von den Flüchtlingen aus Afrika knapp die Hälfte bereits auf ihrem Fluchtweg und beim Durchqueren der Sahara ums Leben kommt“. Die Menschen machten sich nicht aus Spaß auf diesen gefahrvollen Weg, sondern um Krieg, Gewalt, Folter und Verfolgung zu entrinnen.

Bettina Krell gibt ein Statement des Liedermachers Konstantin Wecker wieder. Demnach würde ein Programm in der Qualität von „Mare Nostrum“ jeden EU-Bürger 22 Cent im Jahr kosten. „Da können die finanziellen Gründe wohl kaum der ausschlaggebende Grund sein, dass das Programm seinerzeit nicht von der EU übernommen wurde“, vermutet sie ganz andere Beweggründe für die damalige Absetzung.

Die drei Mitglieder der Flüchtlingsinitiative halten sie es für sinnvoll, dass Flüchtlinge in den Botschaften der Nachbarländer ihren Asylantrag stellen könnten. Die Eheleute Krell und Christa Schwalb-Mücke fordern außerdem ein Konzept zur gerechten Verteilung der Flüchtlinge innerhalb der EU (derzeit nehmen nur zehn von 28 Ländern die Menschen überhaupt auf). Im Sinne einer effizienteren Bearbeitung sollten laut Uli Krell eine an die Krisensituation im Herkunftsland gekoppelte umgehende Asylzusage für die Dauer des Konflikts und eine schnelle Abwicklung des Antrages her. Die derzeitige Einzelfallprüfung ist seinen Worten zufolge „aufwändig, kostenintensiv und langwierig“.

In Deutschland werde die Betreuung in großem Stil von ehrenamtlich Tätigen in Flüchtlingsinitiativen geleistet, betont Christa Schwalb-Mücke. Die wenigen Sozialarbeiter in diesem Bereich seien „völlig überlastet“. Es gebe keinerlei Handreichungen für Ehrenamtliche und keine zentrale Anlaufstelle für Helfer. „Jeder muss sich alles Wissen mühsam zusammensuchen.“ Deshalb wünsche man sich in Grasellenbach Infomaterial wie etwa ein „Handbuch Asyl“ mit wichtigen Informationen und Adressen sowie einen zentralen kompetenten Ansprechpartner, der für diese Aufgaben auch ein entsprechendes Stundenkontingent zur Verfügung habe.

Daneben mangelt es Bettina Krell zufolge „an Klarheit und Verbindlichkeit“ in den Aussagen zur Arbeitsproblematik – auf Kosten der Flüchtlinge und der Allgemeinheit. „Alle Flüchtlinge wünschen sich sehnlichst Arbeit.“ Trotz der Verbesserungen in der Gesetzgebung gebe es aber immer noch „einen Dschungel an Bürokratie, Hürden und widersprüchlichen Aussagen“, kritisiert sie.

Die Hilfsbereitschaft in Bezug auf Sachspenden sei in der Bevölkerung sehr groß. „Auf unserem Wunschzettel ganz oben“ stehen laut Krell aber auch aktiv tätige Menschen, die bereit seien, einen Teil ihrer Freizeit den Flüchtlingen zu widmen – in Form von Begleitung zu Behörden, zu Ärzten oder zu Einkäufen. Gemeindliche Gremien könnten bei der Wohnungssuche oder der Vermittlung von 1-Euro-Jobs unterstützend wirken.

„Grundsätzlich sollte die Frage der Integration nicht erst nach dem Abschluss des Asylverfahrens begonnen werden“, fordern die drei Mitglieder der Flüchtlingshilfe. Es brauche Konzepte, die von Anfang an greifen: etwa ein duales System mit Deutschunterricht am Vormittag und Praktikum am Nachmittag eines Arbeitstages. Es würden „für unsere Gesellschaft nützliche Ressourcen zu Lasten der Allgemeinheit vergeudet“.

Die Bedürftigkeit der Flüchtlinge werde „von außen nicht gesehen“, so Bettina Krell. „Nach den ersten Besuchen in der Unterkunft wurden wir von einer Welle an Notwendigkeiten geradezu überflutet“, ergänzt Christa Schwalb-Mücke. Sie nennt als Stichworte Behördenbriefe, versäumte Fristen, Umzüge mit Gebrauchtmöbelsuche oder dringend erforderliche Arztbesuche.

Info: Das internationale Freundschaftsfest der Grasellenbacher Flüchtlingshilfe findet am Freitag, 24. April, 19 Uhr, im katholischen Gemeindehaus Hammelbach statt. Es wird neben musikalischer Unterhaltung auch einen Informationsblock über Syrien geben, drei Flüchtlinge erzählen von ihren Fluchterlebnissen. Der Eintritt ist frei.

Mare Nostrum und Triton

Bei der rein italienischen (und auch nur von Italien finanzierten) Operation „Mare Nostrum“ (auf Deutsch: Unser Meer) stand die Seenotrettung im Vordergrund. Aus Kostengründen wurde sie von Italien im Spätjahr 2014 nicht mehr fortgesetzt. Das Nachfolgeprogramm „Triton“ (ab November 2014) ist eine Mission der europäischen Grenzsicherungsagentur „Frontex“. Wie der Name verdeutlicht, geht es ihr nicht primär darum, Flüchtlingen zu helfen, sondern die Menschen daran zu hindern, in die EU zu kommen. Für Triton wurden bisher knapp 35 Millionen Euro im Jahr ausgegeben. Sollten die Ausgaben dafür nun angesichts der jüngsten Ereignisse verdoppelt werden, dann würde die EU damit immer noch viel weniger als die bisherigen Mare-Nostrum-Kosten von fast 110 Millionen Euro in die Hand nehmen. Zum Vergleich: Der EU-Gesamthaushalt 2015 beläuft sich auf 146 Milliarden Euro.

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