Fetzige Folk-Songs entführen auf die Grüne Insel

Ein Hauch von Irland liegt über dem Veranstaltungssaal der „Haltestelle“ in Weiher. Vor dem geistigen Auge entsteht ein Bild der Insel mit ihren weiten, sattgrünen, manchmal auch kargen Landschaften, am Himmel entlang treibenden Wolkenfetzen, den vier Jahreszeiten an einem Tag. Schmale Straßen schlängeln sich durch Hügel, hinter jeder Kurve stehen ein paar der unzähligen Schafe. In diese Eindrücke mischt sich langsam die Musik, die fordernde Tin Whistle, die melodische Geige oder die akustische Gitarre. Willkommen bei einem Konzert der „Irish Voices“!

Johanna Boch, Simone Köhler, Siggi Winkler und Friederike Hornauer nehmen das Publikum mit auf eine Reise durch die Zeit und die irische Geschichte. Mal melancholisch und tieftraurig, mal lebenslustig, vor Freude sprühend, sind die vielen Songs, die sie an diesem Abend darbieten. Und dabei die Kunst der Iren verdeutlichen, jeder Katastrophe musikalisch noch etwas abzugewinnen, sie auf diese Weise zu verarbeiten.

So bunt gemischt wie die viele Köpfe zählenden Gäste ist auch der Set. Balladen, fast schon a-cappella vorgetragen, mischen sich mit fetzigen Hornpipe-Songs aus den Pubs, bei denen die Zuhörer fast schon automatisch anfangen zu klatschen. Aktuelle Songs von irischen Popstars gibt es genauso zu hören wie alte, traditionelle Lieder, die mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Zum Einsatz kommen nur die traditionellen Instrumente wie Geige, Flöte, Gitarre und Bodhran.

Pub und Kirche prägten die irische Geschichte, viele der Auseinandersetzungen in der Vergangenheit hatten kirchliche, religiöse Hintergründe. Das habe sich bis in die Neuzeit nicht geändert, Beispiel Nordirlandkonflikt, so Siggi Winkler einführend. Die Iren suchten einen Ausgleich für ihr hartes Leben, für ihre zahlreichen Konflikte, für die bittere Not nach Missernten, Kartoffelfäule, Pest, Not oder Auswanderung als letztes Mittel um zu überleben.

Zwei Beispiele für Ersteres sind der „Skye Boat Song“ und „Ye Jakobites by name“. Sie gründen auf der Schlacht von Culloden 1746 zwischen englischen Regierungstruppen und aufständischen, katholischen Jakobiten. Sehr melodische Elemente wechseln sich ab mit den laut vorgetragenen Kriegsgedanken oder der Kriegstrommel. Die martialischen Einflüsse sind unüberhörbar, verdeutlichen sie doch auch, dass durch die Schlacht Schottland ein für alle Mal seine Unabhängigkeit verlor. Gleichzeitig wird das brutale Vorgehen der Engländer thematisiert.

Siggi01_18_04_2015 - Kopie

Die Tin Whistle von Simone Köhler und die Geige von Friederike Hornauer bestimmen das Lied „Washerwoman“. Die gleiche Melodie, erst getrennt, dann zusammen gespielt, sich steigernd, schneller werdend, steht für einen typischen, traditionellen irischen Folk-Song. Mitreißend, zum Klatschen animierend, ist das lustige und temperamentvolle Medley „It ain’t gonna rain“. Country-Anklänge und der immer wiederkehrend Refrain machen das Stück zum Ohrwurm.

Zwei Songs befassen sich mit Connemara, der rauen Schwester der lieblichen Kerry-Halbinsel. Karg ist die Landschaft, hart das Leben, außer Schafen gibt es kilometerweit keine anderen Lebewesen. Der „Man of Connemara“ ist ein großer Erfolg des irischen Singer/Songwriters Seán Keane. Nicht zuletzt weil er die Lebens- und Leidensgeschichte eines Mannes aus diesem Landstrich beschreibt, der schließlich sein Glück in der Ferne suchen muss. Anders die „Hills of Connemara“, die vom fetzigen Duett Flöte-Geige leben und ein typischer Mitklatsch-Song sind.

Zum Ende hin drehen die vier Musiker an der Temposchraube: ein Medley mit Hornpipe-Set, der „Irish Rover“ oder auch der „Drunken Sailor“ machen so viel Lust auf mehr, dass das Publikum ebendieses fordert. Unterbrochen werden die „Gassenhauer“ von einer ruhigen Ballade über die „Galway Bay“. Dieses Lied hat Siggi Winkler von den Cliffs of Moher, der bekannten Steilküstenformation, mitgebracht. Dort spielt es Tina Morrissey nur auf der Harfe den Touristen vor, berichtet er. Neben dem Odenwälder Draisinensong gibt’s als Zugabe noch zwei Stücke, die in keinem Set einer Irish-Folk-Band fehlen dürfen: „Lord of the Dance“ und „Whisky in the Jar“, das durch „Thin Lizzy“ weltbekannt wurde.

Siggi Winkler ist Irland schon seit vielen Jahren mit Haut und Haaren verfallen. 19 Mal war bereits dort, davon auch sechs oder sieben Mal in Connemara, berichtet er. Für die Iren war seit je her die Musik ein Ausgleich für Unterdrückung, entbehrungsreiches Leben und karge Landschaft, erzählt er. Das bunte Leben und Treiben in den Pubs, wo sie sich seit Jahrhunderten treffen, ist quasi ein Gegenpol.

Dublin, die Hauptstadt Irlands, „reflektiert das Land nicht wirklich“, so Winkler. Die besondere Atmosphäre, die irischen Landschaften und die Menschen, wie sie noch sehr einfach leben und wie sie ticken, „das erlebt man nur in der Provinz, in abgelegenen Countys wie Donegal oder Connemara“. Ebendort macht der Reisende die Erfahrung, dass hinter jeder Ecke ein Schaf „lauern“ kann und es sich immer empfiehlt, vorsichtig oder laut hupend um eine Kurve zu fahren – oder am besten beides. „Irland ist ein Land der Gegensätze und das kommt in der traditionellen Musik dort zum Ausdruck.“

Info: Nächstes Konzert der „Irish Voices“ ist am Samstag, 30. Mai, 19 Uhr, Open-air im „Gude Drobbe“ in Ober-Abststeinach. Titel: „Whiskey meets Irish Folk“. Vorher ist Siegfried Winkler – wo schon – wieder in Irland….

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