Gebiet Stillfüssel: Ende des kommenden Jahres sollen sich die Windräder drehen

„Der Zeitplan ist ambitioniert, aber realistisch umsetzbar.“ Ende des kommenden Jahres könnten sich laut Florian Häuser vom Darmstädter Energiekonzern HSE die sechs Rotoren im Windpark „Stillfüssel“ bei Siedelsbrunn das erste Mal drehen, sagte er auf der Bürgerversammlung in der Rudi-Wünzer-Halle. Vorausgesetzt natürlich, Planung und Bau laufen wie projektiert und es gibt keine Verzögerungen bei den Genehmigungen. Die HSE hatte zusammen mit der Energiegenossenschaft Odenwald (EGO) von der Gemeinde den Zuschlag für die Realisierung dieses Projekts bekommen.

Die Arbeiten laufen Häuser zufolge auf Hochtouren. Nachdem die Bietergemeinschaft HSE/EGO vergangenen September den Auftrag erhalten habe, sei man gleich in die Verhandlungen mit Hessen-Forst als weiteren großen Waldbesitzer in diesem Gebiet eingestiegen. Gleichzeitig sei eine Standortoptimierung erfolgt sowie eine Aktualisierung der arten- und naturschutzrechtlichen Belange, führte Häuser aus. Die Ausschreibung für die Beauftragung eines Windkraftanlagen-Herstellers sei „in der finalen Phase“, im Juni rechne man mit einem Ergebnis.

Laut Häuser sind auch die Antragsunterlagen für die Genehmigung nach dem Bundesimmisionsschutzgesetz (BImSchG) in Vorbereitung. Diese sollten im Juni oder Juli eingericht werden. Hier gehe es darum nachzuweisen, dass die jeweiligen Dezibel-Grenzwerte in Richtung Wohnbebauung eingehalten würden. Vor allem die niedrigen nächtlichen Grenzwerte gelte es zu beachten. Nach den Berechnungen der HSE sei dies überall der Fall. Auch in sensiblen Gebieten wie etwa bei der SysTelios-Klinik in Siedelsbrunn liege man unter den vorgeschriebenen 35 dB (A). Deshalb rechnet Häuser im vierten Quartal dieses Jahres mit der entsprechenden Genehmigung. „Dann könnte auch Start der Rodungsarbeiten sein.“

Den Beginn der vorbereitenden Bauarbeiten terminiert er derzeit aufs erste Quartal 2016, von März bis November sollen dann die sechs Windräder aufgestellt werden. Vier davon liegen auf Wald-Michelbacher Grund, zwei auf Gebiet von Hessen-Forst. Eine gute Nachricht gab es laut Häuser vergangene Woche: „Es liegt die Zusage für eine Einspeisung des erzeugten Stroms bei der Heckenmühle mit 18 Megawatt vor.“

Bei allen Anlagen „wird immer ein Abstand von 1000 Metern zur Wohnbebauung eingehalten“, betonte der HSE-Sprecher. Windmessungen habe es am Hardberg-Mast auf 100 Metern Höhe und – da nicht völlig ausreichend – noch einmal im Gebiet Sensbach auf ähnlicher Höhe gegeben. Diese hätten alle eine gute Windhöffigkeit ergeben. „Der erwartete Energieertrag liegt höher als der jährliche Stromverbrauch der kompletten Gemeinde“, sagte er. Mit dem Windpark leiste man „einen wesentlichen Beitrag zur regenerativen Stromversorgung im südlichen Odenwald“.

Vorstand Thomas Mergenthaler stellte den Projektpartner, die Energiegenossenschaft Odenwald mit Sitz in Erbach, vor. Diese habe sich Entwicklung und Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Verbesserung von Energieeffizienz sowie Energieeinsparung auf die Fahnen geschrieben. In den sechs Jahren ihres Bestehens seien bereits 50 Millionen Euro Investitionen in die Region geflossen. Es gibt laut Mergenthaler zwei Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger: zum einen, wie schon 2900 andere Mitglieder, Genossenschaftsanteile zu erwerben, zum anderen Mitgliederdarlehen zu zeichnen.

Bei letzteren plane man, spezielle für den Windpark Stillfüssel aufzulegen. „Diese haben dann eine längere Laufzeit von 16, 18 oder 20 Jahren“, so Mergenthaler – angelehnt an die garantierte Einspeisevergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Der Windpark garantiere der Gemeinde „fixe Pacht- und Steuereinnahmen“. Bei den Bauarbeiten versuche man, soweit möglich, Aufträge an regionale Unternehmen zu vergeben, damit die Wertschöpfung vor Ort bleibe, erläuterte er.

Nothung Köhler, Vorsitzender des gemeindlichen Bau-, Verkehr-, Energie- und Umweltausschusses, hatte nach seiner Begrüßung der Bürger ins Thema eingeführt. Er skizzierte den steinigen Weg über die Nutzung von fossiler und Kernenergie hin zu regenerativen Energieformen. Die örtlichen Gemeindevertreter hätten sich viele Gedanken gemacht, wie auch Wald-Michelbach seinen Teil dazu beitragen könne. Am sinnvollsten sei die Windkraft, erläuterte er.

„Wir wollen einen vernünftigen Beitrag zur Energiewende leisten“, ergänzte Bürgermeister Joachim Kunkel. Parallel zur Genehmigungsplanung habe es bereits Gespräche mit den anderen Grundstückseigentümern gegeben, außerdem Windmessungen zur Untermauerung der Wirtschaftlichkeit. Der Standort Stillfüssel habe sich nach und nach als favorisierter Bereich herauskristallisiert.

Hans-Jürgen Rossbach von der Kommunalberatung Rheinland-Pfalz zeigte den Entscheidungsweg auf, bei dem die Tochter des Städte- und Gemeindebundes die Kommune Wald-Michelbach unterstützte. 16 Unternehmen hätten in der ersten Runde Interesse an der Realisierung der Windenergieanlage bekundet, acht legten fürs Verhandlungsverfahren Unterlagen vor, berichtete er. Nach verschiedenen Auswahlverfahren blieben noch drei Bieter übrig, von denen dann HSE/EGO das Rennen machte. „Wir haben sehr gute Ergebnisse für beide Seiten erreicht“, betonte er.

Die Gemeinde erhalte eine hohe Mindestpacht und die Beteiligung an Nettostromerlösen, sagte Rossbach. Es solle eine Betreibergesellschaft in Wald-Michelbach gegründet werden. HSE und EGO garantierten einen langfristigen Betrieb im eigenen Portfolio. Sollte es trotzdem zu einem Verkauf des Windparks kommen, habe die Gemeinde ein Vorverkaufsrecht bzw. einen Zustimmungsvorbehalt. „Alle Kosten für die Realisierung werden durch die Betreiber übernommen“, so Rossbach. Der Vorstellung schloss sich eine angeregte Diskussion an (siehe separaten Artikel).

Windpark „Stillfüssel“ in Zahlen und Fakten

–              2011: erster Beschloss in der Gemeindevertretung pro Windkraft

–              Oktober 2013: europaweite Ausschreibung des Projekts Windenergieanlage (WEA)

–              Spätjahr 2014: Vergabe des Projekts an HSE/EGO, Start Verhandlungen mit Hessen-Forst

–              Frühester Baubeginn/Rodung Ende 2015, früheste Fertigstellung Dezember 2016

–              6 Windräder mit 140 Meter Nabenhöhe, inkl. Rotoren ca. 200 Meter Höhe, Rotordurchmesser 110 Meter

–              Windhöffigkeit: über 6 Meter/Sekunde

–              Nennleistung pro Windrad: 3 Megawatt

–              jährliche Leistung ca. 40 bis 45 Gigawattstunden

–              theoretische Abdeckung mehr als 4000 Haushalte

–              Entfernung zu Wohnbebauung 1000 Meter und mehr

–              Ausschüttung der Gewerbesteuer zu 100 Prozent am Windpark-Standort

–              Betreiber: HSE und Energiegenossenschaft Odenwald, Beteiligungen von Gemeinde und Bürgern nach Fertigstellung möglich

Weht auf dem „Stillfüssel“ der Wind auch so kräftig wie erhofft?

Nach der Vorstellung der Windenergieanlage (WEA) „Stillfüssel“ ging’s auf der Bürgerversammlung in die Vollen. Eine sehr angeregte, meist sachliche Diskussion schloss sich an. Fragen bezogen sich vor allem auf die Themen Wirtschaftlichkeit, Beachtung der Naturschutzbelange, Lärmbelästigung sowie An- und Abfahrt beim Bau oder mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Infraschall. Hier eine Auswahl.

Helmut Gremm, Ortsvorsteher Siedelsbrunn: „Wie soll die An- und Abfahrt erfolgen“, inwieweit werde der Ortsbeirat bei den Planungen eingebunden? Florian Häuser, HSE: Die Anfahrt werde über Tannenberg, vorbei an SysTelios-Klinik und Restaurant Morgenstern zum Zollstock erfolgen. Ein „sehr sportlicher Weg“, bei dessen Bewältigung man auf die neueste Technik zurückgreifen müsse. Unter anderem Selbstfahrer, bei denen die geladenen Rotorblätter um 60 Grad verschwenkt werden könnten, um die Kurve zu kriegen. Der Ortsbeirat werde natürlich eingebunden. Dass dies noch nicht geschehen sei, „ist unser Versäumnis“, man wolle es schnell nachholen.

Gerhard Moroff, Bürgerinitiative Gegenwind-Ulfenbachtal: Die Ertragserwartung und die Windhöffigkeit seien an anderen Standorten wie Geisberg und Hainhaus hinter den Prognosen zurückgeblieben. Für den Standort Stillfüssel gebe es keine ausreichend genaue Messung, um die Wirtschaftlichkeit zu untermauern. „Das Risiko der Betreiber und Beteiligten kann bis zum Totalverlust reichen.“ Die Windkraftnutzung „steht und fällt mit dem Geschäftsmodell EEG. Das wird auf Dauer nicht gutgehen.“ Florian Häuser: Es gebe jeweils ganz verschiedene örtliche Voraussetzungen. Die einzelnen Anlagen „können nicht miteinander verglichen werden“. In Siedelsbrunn gebe es eine völlig andere Geländesituation. Stillfüssel liege 130 Meter höher als die WEA Geisberg, dort herrschten andere Luftströmungen. Eine Wirtschaftlichkeit hänge auch davon ab, wie das Projekt kalkuliert werde. Hier gebe es ebenfalls Unterschiede. Thomas Mergenthaler, EGO: Man kenne die möglichen Risikokomponenten bereits im Vorfeld, „sonst würden wir das Projekt nicht umsetzen.“ Die EGO wolle eine „größtmögliche Sicherheit gewährleisten“. Wer eine Beteiligung abschließe, erhalte die komplette Risikoaufklärung dazu.

Hans-Dieter Martin, Ortsvorsteher Schönmattenweg: Wie ist die Möglichkeit berücksichtigt, „dass weniger Wind weht“? Welche Vorsichtsmaßnahmen seien dahingehend in der Planung eingebaut? Thomas Mergenthaler: „Aus Hainhaus haben die WEA-Betreiber ein Stück gelernt.“ Jeder Standort sei anders. So gebe es dort eine komplett andere Finanzierungsstruktur ohne Eigenkapital. Florian Häuser: Die Planung laufe über einen Zeitraum von 20 Jahren. In einem Jahr wehe der Wind stärker, im anderen schwächer. Die Windmessung genüge nicht den „höchsten Anforderungen“, sagte er, sie lasse aber ausreichend belastbare Rückschlüsse auf die Wirtschaftlichkeit zu. Eventuell führe man noch einmal ergänzende Laser-Messungen zur Verifizierung durch. „Wir schießen uns selbst ins Bein, wenn wir von zu hohen Erwartungen ausgehen.“

Stefan Werner, demokratisches Bürgerforum Überwald: Die Gemeinde sei mit mehreren 100.000 Euro bei der Planung in Vorleistung gegangen. „Gibt es eine komplette Kostenerstattung, wenn das Projekt warum auch immer scheitert?“ Guido Böss, HSE: „Ja.“

Herbert Dörsam, Löhrbach: Aufgrund der mit den Baukosten verbundenen Abschreibungen fließt Gewerbesteuer erst nach 15 Jahren? Nothung Köhler: „Die Gemeinde rechnet in den ersten zehn Jahren nicht mit Gewerbesteuer aus dem Windpark.“

Carsten John, Naturschutzbund: Die artenschutzrechtliche Behandlung komme völlig zu kurz. So gebe es bei Schönmattenweg ein brütendes Rotmilan-Paar. Diese Tierart sei beim Bau einer WEA besonders zu berücksichtigen. Bürgermeister Joachim Kunkel: Die Genehmigungsbehörde, das Regierungspräsidium, „nimmt diese Belange sehr ernst“. Der oberen Naturschutzbehörde sei das Thema bekannt, es werde mit Blick auf den Rotmilan eine Raumnutzungsanalyse durchgeführt.

Weitere Bürgerfragen:

Ist Infraschall gesundheitsschädlich? In Dänemark werde gerade eine entsprechende Studie dazu erstellt. Während deren Erarbeitung gebe es einen WEA-Baustopp, so eine Bürgerin. Florian Häuser: WEA erzeugen Infraschall, aber dieser liege unter der menschlichen Wahrnehmungsgrenze. Zwei deutsche Untersuchungen belegten keine Gefahr für Menschen. Die dänische Studie sei ihm nicht bekannt, weswegen er darum bat, sie ihm zur Verfügung zu stellen.

Mitgliederdarlehen der Genossenschaft: Wieso verzinse die Energiegenossenschaft Starkenburg die Darlehen mit vier Prozent, die EGO nur mit 2,5 Prozent? Thomas Mergenthaler: Es gebe bei den Genossenschaften unterschiedlich lange Laufzeiten, Vertragsbedingungen und Risikostreuungen.

Einbindung der Anwohner und betroffener Gewerbebetriebe? Bürgermeister Kunkel: Die Informationspolitik seitens der Gemeinde werde in bewährter Weise erfolgen und die Anlieger würden frühzeitig auf dem Laufenden gehalten.

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