Die Überwaldbahn: Krimis, Unglücksfälle und Explosionen

Ein eingestürzter Tunnel und beim Streckenbau gemeuchelte Bahnarbeiter: Der Gruselfaktor kommt nicht zu kurz bei der Premiere der Überwaldbahn-Wanderung mit Andreas Arnold. Der Mackenheimer Geopark-Vor-Ort-Begleiter lädt seine Gäste am Freitag, 17. April, 15 Uhr, zur Führung vom Wald-Michelbacher Bahnhof bis zum Mackenheimer Viadukt ein. Zweieinhalb kurzweilige Stunden mit Geschichten über Bau und Betrieb der Überwaldbahn von 1901 bis 1983 verspricht er auf den 5,5 Kilometern Wegstrecke. Festes Schuhwerk wird empfohlen.

Großen Raum nimmt in den Ausführungen von Arnold der Tunneleinsturz am Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Die Nazis hatten am östlichen Tunnelende, Richtung Wald-Michelbach hin gelegen, einen Munitionszug versteckt. Polnische Kriegsgefangene, die beim Einmarsch der Amerikaner über Nacht freigelassen worden waren, „wussten nicht, wie sie nach Hause kommen sollten“, zapften dort Benzin ab und – Bumm. Zum Glück kam laut Arnold bei der Explosion niemand zu Schaden. Außerdem dem Tunnel. Der stürzte auf einer Länge von 70 Metern ein.

Andreas Arnold weiß quasi aus erster Hand, wovon er redet. Denn sein Vater war der letzte Schaffner der Überwaldbahn, als diese im September 1983 eingestellt wurde. Mit 14 Jahren hatte Arnold senior seine Lehre bei der Bahn begonnen und war ihr immer treu geblieben. Während der Zeit bis zur Rente war Hans Arnold dann noch auf der Strecke Fürth-Weinheim oder weiter Richtung Walldorf oder Friedrichsfeld tätig. Als ihn die Bundesbahn auf seine alten Jahre och in einem Englischkurs stecken wollte, „hat sich mein Vater beharrlich geweigert“, berichtet Andreas Arnold schmunzelnd.

Vom Vater hat Arnold junior einige weitere Anekdoten in Erinnerung. Etwa die, „dass der Zug sonntags in Weinheim immer mal zwei bis drei Minuten zu früh abfuhr“. Der Grund: in der Kneipe am Mörlenbacher Bahnhof vorbestellte Schnitzel. Die mussten schnell abgeholt werden, damit es weiter nach Wald-Michelbach gehen konnte. Es wird kolportiert, dass an solchen Tagen auf dieser Strecke immer erstaunlich wenig kontrolliert wurde.

Zurück zur Explosion an Kriegsende: Ihr ist es den Worten des Geopark-Begleiters zu verdanken, „dass Wald-Michelbach heute ein Gymnasium hat“. Denn als die Verbindung nach Weinheim gekappt war – beziehungsweise die Kreidacher Höhe überquert werden musste, um dahinter den Zug in die Ebene zu erreichen –, stellte sich die Frage: Wohin mit den Schülern? Da praktischerweise zwei Studienräte im Ort wohnten, „entstand im Bahnhofsgebäude das erste provisorische Gymnasium“, so Arnold.

In der unruhigen Nachkriegszeit gab es seinen Worten zufolge einige berichtenswerte Ereignisse. „Den Krater der Explosion kann man noch heute sehen“, erzählt Arnold. Beim Wiederaufbau der Tunnelstrecke hätten sich einige an den Munitionsüberresten bedient und das dort verwendete Messing auf dem Schwarzmarkt verkauft. Sie wurden erwischt. „Da aber einer der wichtigsten Bauarbeiter darunter war, wurde der Prozess fallengelassen“, berichtet Andreas Arnold.

„Die Bedeutung der Bahnstrecke für den Überwald kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“, so seine Erläuterungen. Sie sei (von Mörlenbach bis Wahlen) als letzte Bahnstrecke in Hessen gebaut worden und trug stark zur Erschließung dieser Region bei. „Vorher waren hier nur Pferdefuhrwerke unterwegs“, der Weg über die Kreidacher Höhe war lange und beschwerlich. Kein Wunder, dass bei Eröffnung am 28. Februar 1901 alle frei hatten.

Wie Arnold erzählt, gab es nun die Möglichkeit, landwirtschaftliche Produkte auf den Märkten der größeren Städte zu verkaufen (durch die sogenannten „Milch- und Eierfrauen“). „Außerdem eröffnete sich den Tagelöhnern die Chance auf regelmäßiges Einkommen in den Fabriken.“ Das war aber natürlich nicht der Hauptgrund für den Bau der Eisenbahnstrecke. „Sondern weil es im Odenwald viele Bergwerke mit wertvollen Metallen gab“. Etwa die Manganstollen.

Ihre Hoch-Zeit erlebte laut dem Wanderführer die Überwaldbahn in den Wirtschaftswunderjahren. Die sogenannten „Holzmann-Züge“ beförderten zu dieser Zeit bis zu 800 Leute in einem Zug. Denn viele aus dem Über- und Odenwald arbeiteten in dieser Zeit bei der Firma Holzmann in Mannheim. Als die Autos auch für die breite Masse erschwinglich wurden und der Individualverkehr zunahm, verlor die Überwaldbahn immer mehr an Bedeutung.

Dass der Dampfverkehr 1967 durch die Dieselloks in Form des „Uerdinger Schienenbusses“ abgelöst wurde, bildete Arnold zufolge nur noch ein kurzes Intermezzo. „Die Strecke war damals schon nicht mehr wirtschaftlich“. Folgerichtig war 1983 für die Personenbeförderung Schluss, bis 1994 fuhren noch Güterzüge.

Schon beim Bau der Bahn spielten sich diverse Krimis ab. Denn dafür hatte man Arnold zufolge Italiener verpflichtet, die sich den Viadukten und Tunnels aus den Alpenstrecken von den Alpenstrecken her auskannten. „Die waren ein streitlustiges Völkchen“, weiß er zu berichten. Ergebnis: drei Morde während der dreijährigen Bauzeit. Beim Bau des Kreidacher Viadukts fiel von oben eine Schubkarre herab und verletzten einen Arbeiter tödlich. Beim Wiederaufbau nach dem Krieg wurde ein Bauarbeiter von einer zurückschnalzenden Schiene erschlagen.

Das größte Unglück spielte sich kurz nach Wiedereinweihung ab- zum Glück blieben aber Menschen verschont, berichtet Andreas Arnold. Ein im Kreidacher Bahnhof entkoppelter Wagen rollte zurück Richtung Wald-Michelbach. Im dortigen Bahnhof stand bereits ein Zug, „dessen Lokführer aber rechtzeitig abspringen konnte“. Alles war danach aber schrottreif und man durfte gleich an der nächsten Baustelle weitermachen.

Info: Wer diese Geschichten und viele andere mehr vor Ort von Andras Arnold hören möchte, kann sich unter Telefon 06207-5838 oder E-Mail a.arnold@kleiderbuegel24.de für die Tour am Freitag, 17. April, anmelden. Der Weg führt die meiste Zeit auf oder entlang der Bahnstrecke. (Bild: Fritz Kopetzky)

 

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