Das Einhaus, ein Odenwälder Exportschlager des 18. Jahrhunderts

„Eigentlich gibt’s gar keine Odenwälder mehr“, verblüffte Theo Reichert seine Zuhörer. Um dann ob manchen empörten Blickes gleich die Erklärung hinterher zu schieben: Nach dem Dreißigjährigen Krieg sei die Landbevölkerung durch Hunger und Pest quasi „ausgerottet“ gewesen. Die noch verbliebenen acht Prozent wohnten in Städten wie Erbach. „In den Dörfern war keiner mehr da“, erläuterte er auf seiner ersten Nachtwächterführung in diesem Jahr durch Wald-Michelbach. Allerlei Wissenswertes, kleine Anekdoten, Trauriges, aber auch Erstaunliches wusste er aus der Geschichte zu berichten.

Erst Jahrzehnte später gingen Reichert zufolge die jeweiligen Landherren an die Wiederbesiedlung. Dabei wurden die Weichen für die jeweilige Ortsbevölkerung in einer Weise getroffen, dass diese oftmals heute noch Bestand hat. Ein Dorf wurde evangelisch mit Schweizer Calvinisten besiedelt, das nächste katholisch mit Bürgern aus Thüringen, Lothringen oder dem Mainzer Gebiet. Prägungen, die bis in die Gegenwart fortwirken. So war/ist Ober-Schönmattenwag evangelisch geprägt, Unter-Schönmattenwag katholisch.

Ein Nachtwächter, erläuterte Reichert zu Beginn, sang nicht unbedingt deswegen, weil es ihm so viel Spaß machte. Sondern weil er seinen „Chefs“ verdeutlichen wollte, dass er aktiv seinen Dienst tat, „nicht besoffen im Graben lag“ oder – noch schlimmer – sich Feinde in der Stadt aufhielten und ihn bereits gemeuchelt hatten. Theo Reichert räumte auch gleich mit dem Vorurteil auf, dass das Nachtwächterlied mit „Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen“ beginne. Die „Leut‘“ waren immer die Ratsherren, die ihn bezahlten, weswegen der Anfang richtigerweise „Hört ihr Herrn“ heiße.

Auch zur Kleidung hatte er Interessantes zu berichten: Dienten die Beinlinge in früheren Zeiten zum Schutz vor Stichwaffen, so verloren sie mit Aufkommen der Schusswaffen ihre Bedeutung. Dass sie den Wald-Michelbacher Nachtwächtern, bis 1913 unterwegs, trotzdem sehr hilfreich waren, lag an einem vierbeinigen Umstand: „Sie boten Schutz vor bissigen Bauernhunden“, so Reichert. Der Hut, Vorläufer des Odenwälder Dreispitzes, lieferte den Hintergrund zum Sprichwort „Ein Brett vor dem Kopf haben“. Denn verheiratete Männer trugen ihn nicht mehr mit der Spitze, sondern mit der Breitseite nach vorn.

Der Nachtwächter wusste gleich am Startpunkt von einem Odenwälder Exportschlager des 18. Jahrhunderts zu erzählen: dem Einhaus. Das sei als Weiterentwicklung des fränkischen Haustyps auf den langen, schmalen Grundstücken der Region gebaut worden. Der Kurpfälzer Kurfürst wollte Reichert zufolge damit für bessere hygienische Bedingungen bei seinen Untertanen sorgen. Die lebten nämlich bis dahin oftmals in sumpfigem Gelände mit dem Vieh unter einem Dach. Krankheiten waren vorprogrammiert. „Über 15.000 Mal wurde das Einhaus in der Pfalz und dem Taunus nachgebaut“, sagte Reichert.

Dass die beiden zu Wald-Michelbach gehörenden Weiler Korsika und Straßburg nichts mit Frankreich zu tun haben, tat er ebenfalls kund. Korsika tauche bereits auf alten Landkarten von 1180 auf, als Curtica, „Ruheplatz für den König“, so Reichert mit Blick auf alten Überlieferungen. Was in seinen Augen Sinn mache, denn es habe als Rückzugsort der Herrschenden bei großen Jagden im Odenwald gedient. Straßburg wiederum habe seinen Namen vom mundartlichen „dem Strasser sei Burg“, wie der Nachtwächter mit Augenzwinkern ausführte. Papierfabrik-Besitzer Bastian Strasser hatte dort im 18. Jahrhundert ein ansehnliches Gehöft.

Nach dem Bahnhof war ein weiterer Stopp bei den fünf während des Bahnstreckenbaus gefundenen Steinkreuzen entlang der Draisinenstrecke zur Kreidacher Höhe. Um sie rankten sich viele Geschichten, sagte Theo Reichert. Weil sich dahinter die Galgenhöhe befinde, könnten es Sühnekreuze gewesen sein. Die Aufstellung eines davon habe einen Bauern ein bis zwei Jahresgehälter gekostet. Somit habe dadurch eine Straftat heftig im eigenen Geldbeutel wehgetan.

Anhand der Straße „Im Weidenklingen“ verdeutlichte der Nachtwächter, was die Endung -klingen bei Orts- oder Gemarkungsnamen versinnbildliche: nämlich das vom Haupt- abzweigende Nebental mit einer sauberen Quelle. Auch Buchklingen sei ein solches Beispiel. Das Wort stamme wohl aus dem Althochdeutschen. „Die ersten Siedler sind immer in eine Klinge gegangen.“

Dass es im Odenwald viele Fichtenkulturen gibt, ist Reichert zufolge indirekt dem Eisenabbau in früheren Jahrhunderten geschuldet. Für dessen Schmelze brauchte man viel Holzkohle. „Fünf bis sechs Kilo für eine Faust voll Eisen“, so die Relation. Ergebnis: „Der Waldbestand war 1750 bis auf fünf Prozent der Fläche weg.“ Da die Wiederaufforstung mit der eigentlich Odenwald-typischen Buche zu lange gedauert hätte, kam die schnell wachsende Fichte zum Einsatz.

Zum Abschluss der überaus interessanten und lehrreichen Tour ging’s bei den beiden Kirchen noch einmal um die Religion. Waren die Konfessionen anderswo klar nach Dörfern getrennt, so war dies in Wald-Michelbach nicht möglich. Denn mit Auflösung des Klosters Lorsch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts seien aufgrund von dessen Schulden neun zuvor ans Bistum Mainz verpfändete Höfe in dessen Besitz übergegangen, der Rest von Wald-Michelbach an den Heidelberger Kurfürsten.

Im Nachklapp der Reformation wurde die Kurpfalz evangelisch und somit trafen im Überwald beide Religionsgemeinschaften direkt aufeinander, führte Theo Reichert aus. Doch die sonst eher streitlustig gesinnten Konfessionen lebten hier ab Beginn des 18. Jahrhunderts einträchtig zusammen. „1710 wurde es den Katholiken erlaubt, in der evangelischen Kirche ihre Gottesdienste zu feiern“, so der Nachtwächter. Der katholische und der evangelische Pfarrer lebten unter einem Dach. „Das war zu dieser Zeit in Deutschland einmalig.“

Nach dem späteren Bau der katholischen Barockkirche habe diese als Zeichen des einträchtigen Zusammenlebens einen Wetterhahn aufs Dach bekommen, während den evangelischen Kirchturm das Kreuz schmücke. In früheren Zeiten habe hier bereits eine Wehrkirche mit einem neun Meter tiefen Wassergraben gestanden. Der Kirche verdankt der Ort auch seine erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1238.

Der große Sohn der Stadt, Adam Karillon, durfte beim Rundgang nicht unerwähnt bleiben. Der praktizierte in späteren Jahren nicht nur in Weinheim als Wundarzt, sondern war auch Schriftsteller. In dieser „Funktion“ hielt er nach den Erzählungen des Nachtwächters seinen Mitmenschen den Spiegel vor. Er, „den die Odenwälder deswegen überhaupt nicht mochten“, wurde laut Reichert dann berühmt, als er als erster den Georg-Büchner-Preis erhielt. „Flugs war er auch Ehrenbürger“, so Reichert mit einem Lächeln.

Info: Weitere Nachtwächter-Führungen in Wald-Michelbach mit Theo Reichert gibt es am 8. Mai, 20.30 Uhr, 12. Juni, 21 Uhr, 10. Juli, 21 Uhr, 7. August, um 20.30 Uhr und 9. Oktober, 20 Uhr. Anmeldungen unter Telefon 06207-94240 oder E-Mail info@ueberwald.eu.

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